Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 14 › Seite 264
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 6. Juli 1915, Seite 264
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vorhanden. Sie leben zum Teil in noch vollständig ver—
wildertem Zustand in den weiten, unerforschten Urwäldern
Nord- und Mittelbrasiliens. Zum Teil sind sie der Zivili—
sation zugeführt und in Aldeamentos (Indianerdörfern) ge⸗
sammelt worden, wo sie von der Regierung des Landes be⸗
schützt und unterstützt werden.
In Rio Grande do Sul gibt es nur „zahme Indianer“,
und man hat nie gehört, daß die Kolonisten unter ihnen zu
leiden gehabt hätten. Dagegen wird die Kolonisation des
Landes in den Nachbarstaaten Santa Catharina und Parana
nicht wenig durch die dort noch hausenden wilden Indianer
behindert. In den letzten Jahren ist es nicht selten vorgekom⸗
men, daß die Wilden deutsche weitvorgeschobene Ansiedlungen
überfallen haben. Sie schießen aus dem Hinterhalt mit ver⸗
gifteten Pfeilen, und schon manches Leben ist ihrer Mordlust
zum Opfer gefallen.
Die eigentlichen Herren des Landes sind die Portugiesen.
Portugiesen waren es, die vor vierhundert Jahren das Land
entdeckten und der europäischen Kultur erschlossen. Sie haben
Brasilien die Sprache und die Regierung gegeben. Ihre Nach—
kommen bilden heute noch den Grundstock der Bevölkerung des
Landes. Diese Nachkommen tragen freilich viel Indianer⸗ und
Negerblut in sich, wie ihre Hautfarbe zeigt, die alle Schat—
tierungen von Schwarz, Rot und Weiß aufweist. Es ist im
allgemeinen ein träges und ungebildetes Volk. Es gibt natür⸗
lich auch rühmliche Ausnahmen, Männer, deren Namen einen
guten Klang haben über die Grenzen Brasiliens hinaus, denen
man auch in der wissenschaftlichen Welt Europas eine hohe
Bedeutung zuerkannt hat.
Wir sagten, daß die Eroberer des Landes die Ureinwohner
grausam verfolgt haben. Die Indianer wurden in die Skla⸗
verei gepreßt. Es wurden richtige Jagden auf Indianer ver—
anstaltet. Als dann die Jesuiten die Indianer in Reser⸗
vationen zu sammeln und sie für ihre Zwecke auszunutzen
begannen, setzten sie es durch Aufbietung ihres ganzen Ein⸗
flusses am portugiesischen Königshofe durch, daß die Indianer⸗
sklaverei verboten wurde. Als Ersatz für die Indianer wurden
nun Neger aus Afrika in Brasilien eingeführt. So wurde
Brasilien mit Negersklaven bevölkert. Wenn man heute nach
Nordbrasilien kommt (das allerdings von unserm Missions⸗
gebiet weitab liegt), meint man, nach Afrika versetzt zu sein,
so überwiegt dort die schwarze Bevölkerung. Die Sklaverei
wurde im Jahre 1888 ganz verboten. Seitdem sind die Neger
freie und gleichberechtigte Bürger des Landes, ohne freilich
viel mit ihrem Bürgerrecht anfangen zu können. Es ist be⸗
kannt, daß die Negersklaven in Brasilien im allgemeinen
menschlich und freundlich behandelt worden sind. Vielleicht ist
das mit ein Grund, daß sie heute, im ganzen angesehen, ein
harmloses Volk sind. Einen viel bösartigeren Charakter als
der Neger zeigt der Mulatte, der Mischling. In den Städten
stellen die Neger den Hauptanteil zu der niedrigsten Arbeits—
klasse. Auf dem Lande hüten sie den brasilianischen Herden—
besitzern das Vieh. Viele Neger sieht man auch unter dem
Militär.
Deutsche Kolonien gibt es in Rio Grande do Sul seit
etwa neunzig Jahren. Um das Jahr 1825 wurden die ersten
Deutschen auf Staatsländereien am Rio dos Sinos angesiedelt.
Im Laufe der Jahre hat sich hier eine ganze Anzahl blühender
Kolonien entwickelt, deren Zentrum die schöne, echt deutsche
Stadt Sao Leopoldo ist, wo auch wir eine Gemeinde haben.
Besonders nach dem Revolutionsjahr 1848 schwoll der Strom
der deutschen Einwanderung an. Später wurde dann die Aus⸗
wanderung nach Brasilien in Preußen verboten. 1896 wurde
dies Verbot wieder aufgehoben, und besonders in den letzten
acht Jahren konnte sich Rio Grande do Sul einer starken Zu—
wanderung von Deutschen und Deutschrussen erfreuen. Das
ist das Verdienst der brasilianischen Regierung, die bedeutende
Summen aus dem Staatseinkommen ausgesetzt hat, um den
Einwanderern die überfahrtskosten zu bezahlen. Gegenwärtig
ist freilich für derartige Zwecke kein Geld im Lande vorhanden;
denn die brasilianischen Finanzen sind durch den europäischen
Krieg sehr in Mitleidenschaft gezogen worden.
Stark vertreten sind unter den Deutschen in Rio Grande
do Sul die Pommern und Rheinländer und, wie gesagt, auch
die Deutschrussen. Am zahlreichsten finden wir die Deutschen
auf dem Lande als Ackerbauer angesiedelt. Kein anderes Volk
hat mehr für den Fortschritt und die Hebung des Landes getan
als gerade die Deutschen. Das heutige Rio Grande do Sul
läßt sich ohne die Deutschen gar nicht denken. Stark ist das
deutsche Element auch in der Hauptstadt des Staates, in Porto
Alegre, der schön gelegenen Hafenstadt am Guahyba. Unter
den 130,000 Einwohnern befinden sich mehr als 25,000
Deutsche. Ein großer Teil des üÜberseehandels liegt in ihren
Händen. Die Industrie wird ebenfalls großenteils von ihnen
kontrolliert.
Außer den Deutschen sind die Italiener und Polen in der
Bevölkerung des Landes stark vertreten. Die Italiener sind
die Weinbauer. In der Stadt beherrschen sie den Obst⸗ und
Gemüsehandel. Auch Judenkolonien sind im Staate gegründet
worden. Die Gründer erleben aber wenig Freude an ihren
Schöpfungen; denn die Juden sind nicht besonders erfolgreiche
Ackerbauer. Es dauert nicht lange, dann legen sie die Hacke
aus der Hand und nehmen dafür den Hausiererpacken auf den
Rücken. So ist jetzt neben dem Syrer, dem althergebrachten
fliegenden Handelsmann, auch der Jude eine häufige Er—
scheinung vor den Türen der Kolonisten. MX. 7⁵⁰ 14
Synodalversammlung des Nord⸗Illinois⸗Distrikts,
versammelt in P. Wagners Genieinde zu Forest Park vom 26. Mai
bis zum 1. Juni.
„So hatte nun die Gemeinde Frieden durch ganz Judäg
und Galiläa und Samaria und bauete sich“, so lesen wir Apost.
9, 31. Dieses Wort können wir mit Lob und Dank gegen
Gott auch auf unsere amerikanisch-lutherische Kirche anwenden.
Wir haben und genießen auch Frieden. Was das für eine herr⸗
liche Gabe Gottes ist, erkennen wir gerade jetzt so recht deutlich,
da Europa und die dortige Kirche unter einem Kriege zu leiden
hat, wie ihn die Welt noch nie gesehen hat. Wohl wütet drüben
kein Religionskrieg, in dem die Kirche Gottes besonders schwer
zu leiden hätte, aber wenn die Völker so entsetzlich aufeinander
schlagen wie gegenwärtig auf der östlichen Halbkugel, dann muß
gerade auch die Kirche seufzen und traurig gehen. Wie glück⸗
lich hingegen dürfen wir uns preisen! Uns stört kein Kriegs⸗
getümmel.
Im Frieden durften auch die Glieder des Nord.Illinois-
Distrikts ihre diesjährigen Synodalversammlungen abhalten.
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