Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 14 › Seite 262
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 6. Juli 1915, Seite 262
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Zeit 3
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er „VTuthcraned
gemeinte Ermahnung und Zurechtweisung findet oft kein
Gehör. So nimmt die Ungerechtigkeit überhand, und die Liebe
erkaltet. „
„Von Geld und statistischen Zahlen wollen wir lieber hier
gar nicht viel reden; diese spielen unzweifelhaft eine zu große
Rolle und blenden die Augen vieler. Wenn uns Gott danach
beurteilen würde, kämen wir schließlich noch ordentlich weg;
aber auch hier stimmt nicht alles. Was würde IEsus dazu
sagen, wenn alle möglichen Mittel zur Anwendung kommen,
um die leeren Missionskassen zu füllen und die Statistik im
günstigsten Licht erscheinen zu lassen? Wie oft werden die
Gaben aus Zwang und Pflichtgefühl statt aus Liebe gegeben!
„Doch genug. Die Zeichen der Zeit besagen es uns deut⸗
lich, daß wir mitten in Matthäus 24 stehen. Die Weltenuhr
weist gegen Mitternacht, und der Ruf: „Siehe, er kommt!'
tönt über den Erdenrund. Jetzt ist es höchste Zeit auch für
uns als Kirche, die bestehenden Gefahren so viel als möglich
zu beseitigen und uns zu reinigen und reinigen zu lassen von
dem Unflat der Welt.“
Und wir, lieber Leser, du und ich — inwiefern geht uns
dies alles an? In dreierlei Hinsicht:
Wir sollen erstens erkennen, daß die Tage der letzten
Trübsal vorhanden sind. Es sind die letzten Zeiten der Welt,
da dem Satan Macht gegeben ist. Und würden diese Tage
nicht verkürzt, es würde kein Mensch selig. „Schaffet, daß ihr
selig werdet, mit Furcht und Zittern!“
Wir sollen zweitens erkennen, daß wir es in reichem Maße
verdient hätten, um unserer Sünden und unsers Undanks gött—
licher Wohltaten willen, daß uns geschähe wie jenen, daß unsere
Leuchte verlösche, und unsern Kindern das reine Evange⸗
lium und der rechte Brauch der Sakramente geraubt würde,
und wir zerscheitert würden mit den Ungläubigen. Oder trifft
uns gar nichts von dem, was eben vom Verfall der Sitten
geredet worden ist? Und was wollen wir dem SErrn erst
antworten, wenn er unsere Liebe zu seinem Werk, unsern Opfer⸗
sinn, unser Leiden für sein Reich nach seinem Wörte prüfen
wollte? Was für lässige Knechte sind wir doch allesamt!
Gottes unbegreifliche Gnade ist's, daß es mit uns nicht gar
aus ist. Erkennen wir das recht?
Erkennen wir auch drittens, wie wir den Trübsalen der
letzten Tage entrinnen mögen. „So seid nun wacker
allezeit und betet, daß ihr würdig werden möget, zu
entfliehen diesem allem, das geschehen soll, und zu stehen vor
des Menschen Sohn.“ Wachen und beten: wachen, daß nicht
Satan das Unkraut falscher Lehre auf unsern Acker sät; beten,
daß wir vor den Versuchungen und der Verführung der letzten
Weltzeit bewahrt werden.
Der Teufel deinen Namen schänd't
Und viele arme Leut' verblend't.
Der böse Geist sucht seinen Ruhm
Und hindert, daß dein Reich nicht komm'.
Der Satan brächt' uns gern zu Fall
Und wollt' uns gern verschlingen all'.
Er tracht't nach Leib, Seel', Gut und Ehr';
HErr Christ, dem bösen Drachen wehr!
Ei, lieber HErr, eil' zum Gericht,
Laß sehn dein herrlich Angesicht,
Das Wesen der Dreieinigkeit.
Das helf' uns Gott in Ewigkeit!
Was ist von dem „christlichen Sozialismus“ zu halten?
Es wird von etlichen behauptet, es gebe einen christlichen
Sozialismus, ja, der Sozialismus und das Christentum seien ů
identisch, ein Ding, so daß jeder gute Christ auch ein guter 1
Sozialist sein sollte. Es gibt Sozialistenvereine, die sich christ⸗
lich nennen, wie in andern Ländern, so auch hier. The Chris-
tian Socialist Fellowship ist der Name einer Gesellschaft, die
in Chicago ihren Sitz hat, und in deren Interesse das Blatt
Tiie Ourristian Socialist (5457 Drexel Ave., Chicago) erscheint.
Wie andere solche Vereinigungen auch heißen mögen, sie werden 4
der genannten sehr ähnlich sein, sie werden alle dieselbe Sprache
reden, wesentlich dieselben Grundsätze vertreten. Das gilt auch
von Schriftchen und Schriften, die von Privatleuten unter
einem „christlichen“ Titel ausgehen und dem Sozialismus das
Wort reden.
Was ist es nun mit diesem „christlichen Sozialismus“?
Es ist reiner Schwindel. Die Menschen, welche ihn treiben,
verführen und werden verführt, sei es bewußt, sei es unbewußt.
Sie reden das verworrenste Zeug; wenn sie wissen, was So⸗
zialismus ist, wiewohl das manchen auch noch der Hauptsache
nach verborgen ist, so wissen sie doch nicht, was Christentum ist.
Die Bibel halten sie nicht wahrhaftig für Gottes unfehlbares
Wort, sondern für ein Buch, dessen Geschichten und Lehren
angenommen oder verworfen werden müssen, je nachdem sie
von der Wissenschaft beleuchtet werden. Gott ist ihnen nicht
der Gott der Schöpfung, sondern der Evolution; Christus ist
ihnen nicht der wahrhaftige Gott und das ewige Leben, nicht
das Lamm Gottes, welches der Welt Sünde trägt, nicht der
Heiland, der uns durch seinen Tod und sein Blutvergießen
erlöfst hat von allen Sünden, vom Tode und von der Gewalt
des Teufels, sondern er ist ihnen „der Zimmermann“, „der
demütige Nazarener“, „der Weltverbesserer“, und wie sie ihn
sonst titulieren. Das Reich Gottes ist ihnen nicht das Reich
der Gnade, der Vergebung der Sünden, des Friedens mit
Gott und der Freude in dem Heiligen Geist, sondern die zu⸗
künftige neue soziale Ordnung, welche der Sozialismus zu
schaffen verheißt, worin für alle die Fülle alles Guten zu finden
sein soll. Das Christentum besteht ihnen nicht in dem Glauben
an Christi Tod und Blutvergießen, sondern darin, daß der
Mensch tue und lebe, wie Christus getan habe. Die Leute
treihen mit dem heiligen Namen Christi ein frevelhaftes Spiel;
sie lügen und trügen dabei.
Die sogenannten „christlichen“ Sozialisten kämpfen nicht
gegen die antichristische, gottesleugnerische Sozialistenpartei,
sondern reden ihr vielmehr das Wort; sie dringen darauf,
daß man für sie stimme, daß man sich ihr gliedlich anschließe.
Wiederholt stand im CMristian Socialist im vorigen Jahre eine
Aufforderung, die mit diesen Worten begann: „Schließe
dich der Partei an! Jeder, der wirklich ein Sozialist ist,
sollte sich der Sozialistenpartei anschließen.“ In der Nummer
vom 15. Mai erklärt die Redaktion von der Christian Socialist
Fellovship, daß sie „gerade zu dem Zweck bestehe, Sozialismus
in Kirchen zu verkündigen“. Und einer, der es wissen sollte,
nämlich J. G. Evert, der selbst für den „christlichen“ Sozia⸗
lismus eine Schrift veröffentlicht hat unter dem Namen „Chri⸗
stentum und Sozialismus“ (Hillsboro, Kans.), sagt darin auf
Seite 10: „Der in Chicago herausgegebene Cristian Socialist
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