Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 14 › Seite 265
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 6. Juli 1915, Seite 265
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Es waren überaus köstliche Tage, die wir in der gastfreien
„Gemeinde zu Forest Park genießen durften. In allen Sitzungen
war der Grundton: „Heilig, selig ist die Freundschaft und Ge⸗
meinschaft, die wir haben und darinnen uns erlaben.“ Wie
nun einst die Gemeinden zu Jerusalem und an andern Orten
die Friedenszeit auskauften und sich bauten, so soll es auch
heute noch sein. Christen sollen zunächst sich selbst erbauen auf
ihren allerheiligsten Glauben, damit sie an ihrem inwendigen
Menschen wachsen und zunehmen. Für diese unsere Erbauung
hatte Prof. Eifrig trefflich gesorgt durch sein Referat über die
Erhaltung und Regierung Gottes. Schon vor zwei Jahren
war dasselbe Thema der Gegenstand unserer Lehrverhandlungen
gewesen. Diesmal behandelte der Referent die vierte These:
„Gott erhält und regiert alles nach gewisser Ordnung, durch
gewisse Mittel und auf gewisse Weisen.“ Allen Synodalen wurde
es aufs neue klar, welch köstliche, glaubensstärkende Wahrheiten
in unserm ersten Artikel enthalten sind. Es ist hier nicht der
Platz, auf die Lehrverhandlungen weiter einzugehen. Nicht
nur den Brüdern in Nord-⸗Illinois, sondern jedem Christen in
unserm weiten Synodalverbande möchte ich zurufen: Nimm und
lies diesen Bericht, sobald er die Presse verläßt! Er eignet sich
auch vorzüglich zum Vorlesen im Familienkreise an den langen
Winterabenden. Dies Referat greift so in das tägliche Christen⸗
leben hinein, daß beim Lesen desselben immer wieder der eine
Gedanke unsere Herzen erfüllt:
Wir loben, preis'n, anbeten dich,
Für deine Ehr' wir danken,
Daß du, Gott Vater, ewiglich
Regierst ohn' alles Wanken;
Ganz ungemess'n ist deine Macht,
Fort g'schicht, was dein Will' hat bedacht:
Wohl uns des feinen HErren!
Doch Friedenszeiten sollen nicht nur zur eigenen Erbauung,
sondern auch zum Ausbau der Kirche Gottes ausgekauft werden.
Auch das geschah auf unserer Synode. Durch den Ehrw. All⸗
gemeinen Präses und andere Männer wurden wir im Geist
nicht nur auf alle unsere Missionsgebiete im In⸗ und Auslande
geführt, sondern wir durften auch von Siegen des SErrn hören
in der Nähe und in der Ferne. Nur in Ostindien ist durch
den Krieg das Missionswerk ein wenig ins Stocken geraten.
Siege geben Mut, und wo Liebe ist zum Heiland, da ist auch
Liebe zu den Brüdern. So wurde denn mit großer Einmütig⸗
keit beschlossen, auch fernerhin die Reichssache unsers Heilandes
fördern zu helfen. Dazu aber sind Opfer nötig. Was wird
doch gegenwärtig in Deutschland geopfert für irdische Siege,
für ein irdisches Vaterland: Geld, Gut, Söhne, Leib und
Leben! Es ist wahrhaft erhebend, zu lesen, wie man drüben
vor keinem noch so großen Opfer zurückschrickt, um Feld und
Sieg zu behalten. Und doch handelt es sich dabei nur um
irdische Dinge. Wieviel mehr sollten die Christen sich willig
finden lassen auch zu den größten Opfern, da es sich bei uns
handelt um die Freiheit, von der der Heiland sagt: „So euch
der Sohn freimacht, so seid ihr recht frei“, und um die Er—
langung des Vaterlandes, das uns Christus mit seinem Gottes⸗
blute erworben hat. Gott gebe nur, daß die Begeisterung, die
sich auf der Synode zeigte, auch anhält, daß Pastoren, Lehrer
und Delegaten ihre Pflicht tun und daheim durch Wiedergabe
der Beschlüsse die Herzen der Christen willig machen zum fer—
neren Ausbau des Reiches Gottes in der Nähe und in der
Ferne. Und die Zeit ist kurz. Der gegenwärtige Weltkrieg
ist offenbar ein letztes Glockengeläute vor dem Jüngsten Tage.
Da gilt es zu wirken, solange es Tag ist. Darum auf zur
seligsten Arbeit, die es auf Erden gibt, auf zum Ausbau der
Kirche! O wie köstlich wäre es, wenn bald der letzte Aus—
erwählte gewonnen wäre, und wir dann mit allen Seligen in
Ewigkeit singen könnten: „Nun ist groß Fried' ohn' Unter⸗
laß; all' Fehd' hat nun ein Ende!“
Damit nun auch das Bauen des Reiches Gottes in rechter
Weise geschieht, wurden Beamten gewählt, die willig sind, ganz
insonderheit ihre Zeit und Kraft in den Dienst der Kirche
zu stellen. Nicht geschahen die Wahlen in der Meinung, als
sollten die Beamten Herren sein; nein, Diener sind sie, und
dienen wollen sie aus Liebe zu ihrem Heiland und aus Liebe
zu dem großen Werke des Ausbaus des Reiches Gottes nach
innen und außen, aber zugleich auch mit dem Verständnis, daß
nicht nur sie, die Beamten, des Tages Last und Hitze tragen,
sondern daß jeder Christ an die Front tritt mit der Erklärung:
Auch ich will Gottes Handlanger sein und bleiben. Präses
Brunn wurde wiedererwählt; ihm zur Seite gestellt wurden
zwei Vizepräsides: P. Paul Lücke und der Unterzeichnete, sechs
Visitatoren und eine ganze Reihe anderer Beamten. Gott gebe,
daß auch fernerhin nicht nur von Nord⸗Illinois, sondern von
unserer ganzen lieben Synode das Wort gelte: „So hatte nun
die Gemeinde Frieden und bauete sich.“ A. Pf.
Nachrichten aus unsern Missionen.
Innere Mission. Canada. (Aus dem Briefe eines
Reisepredigers.) Vormittags wurde ich hier von P. M. ein⸗
geführt. Nachmittags hielt ich meine Antrittspredigt. Eins
der Glieder aus Belgien wollte der Gemeinde und mir eine
Überraschung bereiten und hatte zu dem Zwecke ein Bild ge⸗
malt mit der Inschrift: „Der HErr behüte Deinen Eingang
und Ausgang und sei mit Dir auf allen Deinen Wegen!“ Ich
habe hier 14 Glieder: Deutsche, Rußländer, Ungarn, cowboys
usw. Ungefähr die Hälfte sind Junggesellen. Die Leute sind
sehr arm. Die ersten Ansiedler mußten sich ihre Wege selbst
bahnen. Im Winter und Frühling reinigen und säen sie ihr
bißchen Frucht; im Sommer lassen sie das Bißchen abmähen,
während sie selbst nach dem Süden in die Erntefelder gehen,
um ein wenig Bargeld zu bekommen, damit sie in dem strengen
Winter genug haben, um durchzukommen. Einen Selbstbinder
hat hier nur einer, der denen, die etwas gesät haben, ihr Ge⸗
treide abmäht.
Alles ist hier sehr teuer. Auf eine Kiste mit Büchern von
St. Louis mußte ich §12.65 Fracht bezahlen! Eisenbahnfahr⸗
karten kosten hier 4 Cents die Meile. In B. ließ ich mein
Pferd beschlagen mit *never-slips“; Kosten: F3.00!
Am Donnerstag kamen wir in P. V. an. Die Glieder
wohnen dort fünfzehn bis zwanzig Meilen auseinander. Abends
hatten wir Bärenfleisch zur Mahlzeit. Sonntag hatten wir
Gottesdienst in einer Blockhütte. Am Sonntagnachmittag uni
2 Uhr verließen wir P. V. und ritten bis 9 Uhr; fünfzig
Meilen haben wir in der Zeit zurückgelegt. Die Gegend ist
noch wild; hie und da sieht man eine einsame Blockhütte und
fünfzehn bis zwanzig Acker geklärtes Land.
Kürzlich wäre ich beinahe im Sumpf stecken geblieben.
Mein Pferd wollte absolut nicht über einen seichten Graben.
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