Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 14 › Seite 267

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 6. Juli 1915, Seite 267

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Seminar in St. Paul, Minn., durch die Fakultät des North-
western College den Titel eines Doktors der Theologie. G.
Auch das Gute, das in den Zeitschriften anderer lutherischen
Gemeinschaften über unsere Synode gesagt wird, ist nicht immer
alles wahr. Es ist uns kürzlich zum Beispiel etwas Lob gespendet
worden dafür, daß wir eine „ausgedehnte Mission“ in Polen
betreiben. Das ist ein Mißverständnis. Man denkt dabei wohl
an unsere Polenmission, die aber nicht in Polen, sondern unter
den eingewanderten Polen in unserm Lande betrieben wird.
„Ausgedehnt“ ist diese Arbeit allerdings; denn die Missionare,
die in ihrem Dienste stehen, bereisen die Staaten New Hork, Penn⸗
sylvania, Maryland, Delaware, Michigan, Illinois und das nord—
westliche Canada, um die zerstreut wohnenden Polen zu Ge—
meinden zu sammeln. In Nr. 6 des laufenden Jahrgangs
unsers Blattes hat die Kommission für fremdsprachige Missionen
über den Stand des Werkes in dieser Arbeit berichtet. .
Die Anstalt unserer Schwestersynode in Australien, das Con⸗
cordia-⸗College in Adelaide, schloß nach einem Bericht im „Lu—
therischen Kirchenboten für Australien“ im Dezember das zehnte
Studienjahr seit seiner Verlegung nach Adelaide. Die Zahl der
Studenten in den verschiedenen Lehrkursen (Gymnasium, theo⸗
logisches Seminar und Lehrerseminar) betrug 44. Nach dem
Lehrplan der Anstalt ist jedes Jahr in jedem Kursus nur eine
Anzahl von Klassen in Betrieb. Letztes Jahr wurde im Pre⸗
diger⸗ und im Lehrerseminar je eine Klasse, im Gymnasium
zwei Klassen, Sekunda und Quinta, geführt. Durch diese sinn⸗
reiche Einteilung der Arbeit gelingt es, den Bedarf an Pastoren
und Lehrern in unserer Australischen Synode zu decken, ohne daß
zu diesem Zwecke drei Fakultäten an drei Anstalten in Tätigkeit
zu sein brauchen. Daß der Unterricht in gründlicher Weise
betrieben wird, läßt sich auch aus dem Umstand erkennen, daß
aus der letztjährigen Oberklasse des Gymnasiums die Zöglinge,
die sich auf das Senior-Examen in der Adelaide-Universität vor⸗
bereitet hatten, dieses voll bestanden haben. An der Anstalt
wirken vier Professoren. G.
Vom christlichen Sozialismus handelt ein Artikel in der vor—
liegenden Nummer unsers Blattes. Darin wird auch das Buch
eines gewissen Bouck White, N²e Call ofF t½e Carpenter, genannt.
Was für ein „Christentum“ Bouck White predigt, geht aus fol⸗
genden Sätzen hervor, die er von den Gliedern seiner Kirche in
Brooklyn — er ist nämlich „Pastor“ — unterschreiben läßt:
„Ich lasse inich eintragen unter dem Herrn des blutroten Ban—
ners. Ich werde Glieder zu werben suchen für die Kirche der
Revolution zu dem Zwecke, daß die bestehende Gesellschaft um⸗
gestoßen, und dieselbe als Genossenschaft wiederaufgebaut wer—
den möchte.“ Seine Kirche hat kein Glaubensbekenntnis. In
seiner Kirche wird gepredigt, gesungen, gebetet, kollektiert, der
Segen gesprochen, es fehlt auch nicht eine Bibelklasse. Trotzdem
ist in der „Kirche der Revolution“ von Christentum auch nicht die
Spur zu finden. White lehrt, IEsus sei ein Revolutionär ge⸗
wesen, der hauptsächlich gegen die Macht des Kapitals agitiert
habe und dabei zum Märtyrer geworden sei. „Die Arbeiterklasse
sind Gottes Auserwählte.“ Moses soll ein labor leader gewesen
sein, der in Agypten einen Streik unter den Juden anstiftete,
nachdem er die brickmakers in Gosen zu einer union organi—
siert hatte. In einem andern Buch führt White aus, daß nach
der Lehre der Bibel es ein Verbrechen sei, reich zu werden. Als
in Ludlow, Colo., im Verlauf eines Minenstreiks die Miliz auf
eine Rotte von Streikern geschossen hatte, und eine Anzahl der
Aufrührer dabei ihr Leben einbüßten, führte White einen Haufen
seiner Nachfolger in die Calvary Baptist Church in New YHork,
der viele reiche Leute angehören, unter diesen auch Besitzer jener
Minen in Colorado, unterbrach die Predigt und fing an, eine
Rede zu halten über die sozialen Zustände. Er wurde mit Ge—

walt aus der Kirche entfernt und verhaftet. Mehr noch als dieser
Vorfall beweisen aber Whites Bücher, aus denen wir oben einiges
angeführt haben, daß sein christlicher Sozialismus allerdings,
wie Präses Schulze in seinem Artikel ausführt, seinen Namen
mit Unrecht trägt. Jener deutsche Sozialdemokrat Bebel, der
gesagt hat: „Christentum und Sozialismus stehen zueinander
wie Feuer und Wasser“, hat eher die Stellung seiner Partei zur
christlichen Religion ausgesprochen als die Verfechter des soge—
nannten christlichen Sozialismus. Daß in der Plattform der
Sozialisten einige Grundsätze und Ziele ausgesprochen sind, die
auch ein Christ zu den seinen machen kann, wird niemand leugnen.
Wenn die Sozialisten eintreten für überuahme der Minen, ”l⸗
quellen, Wälder und Wasserkräfte durch den Staat, für Auf⸗
forstung, für Drainierung von Sümpfen, für bessere Landstraßen
und mehr Kanäle, für die Verwaltung von Banken durch den
Staat, für Arbeiterschutz, für Kinderschutz, für Wahl des Präsi⸗
denten durch direkte Abstimmung und andere politische Maß⸗
regeln, so können wir nicht finden, daß die Zustimmung zu solchen
Grundsätzen und Zielen unvereinbar mit dem Christentum seiü
Derjenige irrt sich aber sehr, der da meint, daß diese und ähnliche
Zwecke der Sozialistenpartei das eigentliche Parteiprogramm bil⸗
den. Gerade die Gegner der Sozialisten haben ja in Deutsch⸗
land fast die ganze obengenannte Gesetzgebung durchgeführt!
Nein, das Parteiprogramm ist: Sturz der bestehenden sozialen
Ordnung, Revolution, die blutrote Fahne, zu der Bouck White
seine Nachfolger schwören läßt. Der Grundzug der ganzen sozia⸗
listischen Propaganda bleibt widerchristlich. Was die britische
Sozialistenpartei (die mit der amerikanischen in brüderlichem
Verhältnis steht) im Jahre 1911 in einem offiziellen Pamphlet
aussprach: „Gott hat nicht die Menschen, sondern die Menschen
haben Gott in ihrem Bilde gemacht“, „Das Christentum ist ein
Friedhof toter Religionen“, „Der Sozialismus ist der Feind
aller Religion“, „Wenn die Aufklärung einen Schritt vorwärts
nimmt, nimmt Gott einen Schritt rückwärts“, „Der Eingang
des Sozialismus ist der Ausgang der Religion“ — hat die Zu⸗
stimmung aller derjenigen, die sich die Stellung des Sozialismus

zur Lehre der Heiligen Schrift für ihre Person angeeignet haben.

G.

„Wunderweizen“ zu einem Dollar das Pfund haben die
Führer der Russelliten vor einigen Jahren verkauft. Im Jahre
1911 erschien in „Pastor“ Russells Blatt Wate. Tower folgende
Anzeige: „Ein Geschenk von Wunderweizen. Bruder
Bohnet schreibt uns, daß er nach und nach eine ziemliche Menge
Wunderweizen gesammelt hat aus den wenigen Körnern, die er
zuerst besaß. Er wünscht, daß die Leser des Watem Tower die
ersten sein sollen, die sich von diesem Weizen einen Vorrat sichern
können. Er wird ihn für einen Dollar das Pfund (portofrei) ver⸗
kaufen, und der ganze Profit soll in unsere Vereinskasse fließen.
Man adressiere seine Bestellungen: Miracle Wheat Bohnet, 17
Hicks Street, Brooklyn, N. V.“ Auch in dem Brooklyn Taber⸗-
nacle, dem Hauptquartier Russells, das sich eben an 17 Hicks
Street in Brooklyn befindet, konnte man den Wunderweizen kaufen.
Die Anzeige besagte noch, daß diese Weizenart nur ein Viertel
so dicht gesät zu werden brauche als gewöhnliche Sorten, also
etwa ein Viertel Bushel zum Acker, daß sie aber etwa zehn-⸗ bis
fünfzehnmal so reichlich trage als anderer Weizen, also minde—
stens hundert Bushels zum Acker. Der Broohlyn Eagle sandte
einen Berichterstatter nach Russells Tabernacle, und dieser kaufte
eine Quantität des Wunderweizens. Es wurden Proben davon
im Ackerbauamt in Washington untersucht, und das Ergebnis
war, daß dieser Wunderweizen nicht besser war als die Sorte,
die man zu einem Dollar den Bushel im offenen Markte
kaufen konnte! Der Broorlyn Hagle verspottete darauf Russell
als Volksbetrüger und Schwindler. Russell sah sich gezwungen,

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