Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 57, Nummer 10 › Seite 151

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 14. Mai 1901, Seite 151

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S Ver „Tutheranes

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gerade darf man ihn nicht als in diesem und in jenem Steine
oder Baume oder Bilde wohnend anbeten: dadurch zerstückelt ihr
ja den Einen, allgegenwärtigen Gott! Wiederum ist es doch
Thorheit zu sagen: der Baumeister und sein Bau, der Hausherr
und sein Haus seien ein und dasselbe. Kam da ein Mann zu
einem Freunde, sah ihn aber gar nicht an, redete nicht mit ihm,
grüßte ihn nicht, that gar nicht, als ob er überhaupt da wäre.
Dafür guckte er aber den Fußboden an und machte ihm (die
Hand an die Stirn legend und sich verneigend) ein „Salaam“
(„Friede!“ „Friede sei mit dir!“); dann besah er die Wände,
betrachtete die Thür, hob seine Augen auf zum Dach, ging auch
zur Lampe und zu allem Hausgeräth — jedem dieser Dinge machte
er „Salaam“ und ging wieder heim. Der Hausherr hatte wohl
versucht, mit ihm zu reden. Auch dessen Knechte hatten ihn an⸗
gesprochen. Aber er that, als hörte und sähe er sie nicht, so daß
alle dachten, er wäre verrückt geworden. So hat Gott, der
einige, wahre, lebendige Gott, ein Haus gebaut: die Welt, die
ihr seht. Er hat es für uns gebaut, daß wir als seine Kinder
darin wohnen, seine Gnade genießen und ihn ehren sollten. Ihr
aber seht den Fußboden an und nennt ihn „Puhmahdehwi“ (Erd⸗
göttin), betrachtet die Decke, den Himmel, und nennt ihn „In⸗
diren“, seht hinauf zur Sonne, unserer Leuchte, unserer Lampe,
und sprecht: „Machahsangirahndi“ („Große Sonnenwende!“),
geht zu den Hausgeräthen, zu Steinen, Bäumen ꝛc., und nennt
sie „Swahmi“ (Gott) und dient dem allen, verehrt das alles,
als wären Haus und Hausherr ein und dasselbe. Und ob euch
der Hausherr auch ruft, ob seine Knechte, nämlich wir, seine
Prediger, euch ermahnen, so hört ihr doch nicht und seid taub,
taub wie alle Götzen, die ihr anbetet. Der Hausherr aber sagt
in seinem Wort von euch: „Da sie sich für weise hielten, sind sie
zu Narren worden; und haben verwandelt die Herrlichkeit des
unvergänglichen Gottes in ein Bild, gleich dem vergänglichen
Menschen, und der Vögel, und der vierfüßigen und der kriechen⸗
den Thiere . . . und haben geehret und gedienet dem Geschöpf
mehr, denn dem Schöpfer.“ Und nun freilich, wenn ihr meint,
daß alles Gott ist, so ist auch der Teufel Gott, so ist auch die
Sünde lauter Gerechtigkeit, so wird die Hölle auch euer Himmel⸗
reich sein — ein schönes Himmelreich: voll Heulen und Zähn⸗
klappern! Warum lauft ihr doch so hurtig ins Verderben?
Bisweilen machen die Heiden auch diesen Einwand: „Gott
selbst hat diesen Götzendienst unsern Voreltern und durch sie uns
geboten, damit wir an allen Enden und Ecken ja seiner gedenken
möchten, und er wird alle Verehrung, die wir diesen Steinen
und Bildern erweisen, als ihm geltend belohnen.“ „Die Götzen
selbst sind ja nichts — aber sie sind Zeichen, durch die wir un⸗
wissenden Leute Gott erkennen und finden sollen.“ Ich erwidere:

Ich will euch eine kleine Geschichte erzählen: Da war ein Junge,

den seine Eltern liebten, hegten und pflegten. Solange er klein
war, war er auch hübsch artig ꝛc. Aber später wurde es anders.
Er lief eines Tages davon und ging in die Haide: dort nahm er
einen Stein und sagte: „Du bist mein Vater, der mich gezeugt
hat“, und noch einen und sagte: „Du bist meine Mutter, die
mich geboren hat“ ꝛc. Die Eltern suchten ihn mit Schmerzen,
fanden ihn auch. Er aber kannte sie nicht, oder wollte sie nicht
kennen. Jene Steine seien, meinte er, sein Vater und seine
Mutter. Anderen Leuten, die das sahen und ihn einen Thoren
nannten, weil er so redete, erwiderte er: diese Steine seien nur

Zeichen, wobei er an Vater und Mutter daheim gedächte! Aber
zu ihnen zurückkehren, ihrer Stimme gehorchen, ihnen dienen,
ja, das wollte er nicht, wie sehr er auch ermahnt wurde. Im
Gegentheil, er setzte der Sache noch die Krone auf, indem er sagte,
seine Eltern gerade hätten ihin ja befohlen, hinzugehen und solche
Steine zur Erinnerung an sie aufzurichten und zu verehren! Die
Eltern nun jammerten: „Unser Kind hat den Verstand verloren“,
und die andern Leute nannten ihn jetzt nicht nur einen Thoren,
sondern auch einen Undankbaren und Lügner. — Die Deutung
der Geschichte ist oft überflüssig, da die Leute selbst sie einander
auslegen, und zwar ganz richtig. Hier ist es auch am Platze, das
erste Gebot (einschließlich des Bilderverbots) darzulegen.

Daß die Götzen nicht dazu dienen, Gott zu erkennen, son⸗
dern vielmehr uns ihm entfremden, ja, ihn uns rauben, muß
man den Leuten auch zeigen. Da ist vielleicht ein Tractat oder
ein Büchlein mit einem kleinen Bild an der Spitze in des Missio⸗
nars Tasche. Das zeigt er den Leuten und fragt sie, woran sie
denn dadurch erinnert würden, was sie daraus erkennten? Natür⸗
lich antworten sie meistens: „Nichts, gar nichts!“ Wer nun aber
den Tractat oder das Büchlein liest, sagen wir, der kann das Bild
und seine Meinung erkennen. Jedes Bild ist also an sich nichts,
wenn seine Bedeutung nicht bekannt ist. Ein Bild ist demnach
von gar keiner Bedeutung für den Unwissenden, der nicht ver⸗
steht, was es darstellt, sondern nützt nur dem Wissenden, der,
was das Bild darstellt, weiß, sich dadurch an früher gesehene
Dinge oder Personen erinnern lassen kann, die beigegebene Er⸗
klärung zu lesen vermag ꝛc. Nun will ich euch die Bilder, die
ihr aufgerichtet habt, etwas erklären und zeigen, wie unsinnig sie
sind, ja, wie sie das gerade Gegentheil vom wahren Gott bedeu⸗
ten, den wahren Gott euch also nicht erkennen lassen. Seht ein⸗
mal da das Bild des Götzen Ganehsa an, dem sein Vater Siwen
im Zorn das Haupt abgeschlagen und in der Trunkenheit einen
Elephantenkopf dafür aufgesetzt hat. Was bedeutet's denn an⸗
ders, als daß, da ihr euch für weise hieltet, ihr zu Narren ge⸗
worden seid? Und was für einen dicken Schmerbauch hat der
Götze! Die Meinung desselben ist diese: Euer eigentlicher Gott
ist der Bauch, euer Ende, wenn ihr nicht Buße thut, das Ver⸗
derben. Dieser Götze ist blind, taub, stumm, todt. So seid
ihr geistlich blind, taub, stumm, lahm, todt: wandelnde Leich⸗
name, ohne Erkenntniß des wahren Gottes, ohne Gehör und
Glauben seines Wortes, ohne Lobpreis seiner Wohlthaten, ohne
geistliches, göttliches, himmlisches, seliges Leben. Ihr seid ohne
Gott und ohne Hoffnung in der Welt. Gott ist Geist. Er hat
nicht Fleisch und Bein wie wir Menschen, die man abbilden kann.
Kann auch ein Töpfer ein Bild meiner Seele aus Lehm formen?

Um Gott recht zu erkennen, muß man in derselben Weise
verfahren, wie wenn man einen bisher unbekannten Menschen
kennen lernen will. Da genügt es nicht, irgend ein beliebiges
Bild anzusehen. Es ist auch nicht gerathen, andere Leute in
Hinsicht auf ihn zu befragen; denn sie könnten einem sonst etwas
weismachen. Man muß das Thun und Lassen des Betreffenden
beobachten und, da man von selbst nicht errathen kann, warum
er dies thut und jenes läßt, oder was er sich dabei denkt, so muß
man außerdem seine Rede hören (oder seine Briefe und Schriften
lesen); so wird man erkennen, ob er gut oder böse, gescheit oder
dumm, vornehm oder niedrig ꝛc. ist. Daß ein Gott ist, sowie
seine ewige Kraft und Gottheit, seine Weisheit und Güte erkennt

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