Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 57, Nummer 10 › Seite 155
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 14. Mai 1901, Seite 155
Scan: Internet Archive item DerLutheraner57.
⤓ Download page image (full resolution)
German transcription machine transcription, uncorrected
Herzen vergiften; gewisse Arten brutalen „Sports“, die verrohend und
damit zugleich entsittlichend wirken; sodann die schlechten, schmutzigen
Theater, die sich heute schon in jeder größeren Stadt aufgethan haben,
an die niedrigste Sinnlichkeit appelliren und Phantasie und Herz be⸗
sonders der heranwachsenden Jugend, welche diese Lasterbuden haupt⸗
sächlich besucht, vergiften, trotzdem aber in der feilen liberalen und
farblosen Tagespresse aufs gewissenloseste angepriesen werden. Endlich
gehört dahin: Unmäßigkeit im Genuß von geistigen Getränken, beson⸗
ders bei solchen Personen, die schon durch die vorerwähnte Schule des
Lasters gegangen sind. (Luth. Kirchenzeitung.)
In Paris befinden sich in einer Straße drei Trinkstuben: Die
Todtenkneipe, die Himmelskneipe und die Höllenkneipe, und eine sucht
die andere in frevler Spottsucht und Lästerung zu übertreffen. P. Anger⸗
stein in Lodz erzählt in seinen „Reiseerinnerungen“ darüber Folgendes:
In die Todtenkneipe tritt man durch einen schwarzen Vorhang; im In⸗
nern sind Tische in der Form von Särgen aufgestellt; die Kellner, die
Bier reichen, sind als Leichenträger gekleidet. Dazu wird in einem
kellerartigen finsteren Raume eine Vorstellung gegeben, bei der ein als
Mönch verkleideter Mann das Harmonium spielt und in einem Sarge
eine Person sich in ein Gerippe verwandelt. — In der Himmelskneipe
werden in einem kirchenartig eingerichteten Raume Getränke von Kell⸗
nern, die als Engel verkleidet sind, gereicht; ein anderer Kellner in
Priestertleidung besteigt eine Kanzel und hält eine frivole Rede; eine
hölzerne Glocke wird geläutet, ein goldenes Kalb wird zur Anbetung
herumgetragen, und zum Schluß findet wiederum eine Vorstellung statt
mit allerlei häßlichen Scenen. Ganz ähnlich ist's in der Höllenkneipe,
nur daß die Kellner als Teufel verkleidet sind. Wenn man das alles
sieht, so schaudert's einen, aber ich ging hinein, um zu sehen, wie weit
und groß die Frivolität in Paris ist. Eine Stadt, in der das Laster
so offen auftritt und in der über Himmel, Tod und Hölle in so frivoler
Weise gespottet wird, verdient mit Recht, trotz ihrer Pracht und Herr⸗
lichkeit, Babel genannt zu werden. L. F.
Kleine lehrreiche Erzählungen aus Luthers Schristen.
13.
Die folgende Erzählung von den „zwei Brüdern“, aus den
Vitis Patrum, finden wir in drei Schriften Luthers: In seiner
„Kirchenpostille“, in der „Erklärung des ersten Buches Mosis“ und in
den „Predigten über das erste Buch Mosis“. Sie lautet folgender⸗
maßen:
„Die Rottengeister meinen, daß große Weisheit und Stärke sei,
wenn man außerhalb und ohne Gottes Wort durch Frevel alles wagen
und anfahen darf, das sich ansehen läßt, daß es groß, prächtig und un⸗
gewöhnlich Ding sei. Gleichwie man sagt von zween Brüdern,
die mit einander reiseten im heidnischen Lande, und da sie nun ge⸗
hungert hat, und die Einwohner desselben Landes ihnen Brod ange⸗
boten und gereicht haben, soll es der eine nicht haben essen wollen,
darum daß es gottlose Leute und Heiden waren, so ihnen das Brod
reichten, und wo er nicht vom Himmel herab gespeist würde, war seine
Meinung, wollte er lieber sterben. Derohalben ist er auch also Hungers
gestorben und in die Hölle begraben worden. Der andere aber war
etwas klüger, welcher die Speise, so ihm die Heiden darreichten, ange⸗
nommen und gegessen hat, und ist also bei dem Leben erhalten worden.
Also wäre es hier (1 Mos. 43, 1—5.) eine große Thorheit gewesen, sich
des Getreides oder Speise zu enthalten, so aus Egypten hergebracht
war, darum daß die Leute daselbst gottlos und ungläubig waren.
Denn ist nicht das Brod der Egypter sowohl eine gute Creatur Gottes,
gleichwie andere Speise und Nahrung auch ist? Also gebrauchen wir
eben desselben Markts, Erdreichs, Wassers, Luft und Sonnen, da wir
wissen, daß dessen auch die Gottlosen brauchen. Unser HErr Gott
wird dir keinen Engel vom Himmel senden, der dich auf eine sonder⸗
liche Weise speise oder nähre, dieweil sonst hier auf Erden Speise genug
reichlich vorhanden ist, davon du leben kannst.“ (Walch, II, 2296 f.)
Was die Mutter gesagt hat.
Ein Prediger, der an einer großen Irrenanstalt angestellt ist, er⸗
zählt: Als ich einmal Sonntags wie gewöhnlich vor der langen Reihe
unserer geistig Umnachteten und Blöden gepredigt hatte und mich beim
Verlassen des Saales wie immer in diesen Stunden tiesstes Erbarmen
mit diesen Unglücklichen noch erfüllte, von denen ich mir sagen mußte,
daß nur wenige meinen Worten mit Verständniß hatten folgen können,
hielt mich am Ausgang ein Mann mit freundlichem Grinsen auf dem
geistlosen Gesichte zurück und sagte im geheimnißvollen Flüsterton:
„Ich kann auch beten!“ Ich war erstaunt über dies Wort, denn der
Unglückliche galt für ganz blödsinnig. Er hatte alles vergessen, seinen
Familiennamen, seinen Heimathsort, sein Alter; über nichts konnte
er die geringste Auskunst geben. Etwas zweifelhaft fragte ich daher:
„Was kannst du denn beten?“ „Was Mutter gesagt hat“, antwortete
er stolz. „Und was hat Mutter dir gesagt?“ forschte ich weiter. Da
faltete er die Hände und begann andächtig:
Breit aus die Flügel beide,
O JEsu, meine Freude,
Und nimm dein Küchlein ein.
Bis zu Ende sprach er den Vers ohne Anstoß. Dann kehrte der geist⸗
lose, stiere Ausdruck seines Gesichtes zurück, und er war wieder derselbe
stumpfe, unglückliche Mensch, wie ich ihn immer gekannt hatte. Alles
hatte er vergessen — keine Erinnerung aus seinem ganzen langen Leben
war ihm geblieben, nur „was Mutter gesagt“, wie sie ihn beten gelehrt,
tauchte dann und wann in seinem armen Gehirn wieder auf. — Wenn
doch alle Mütter wüßten und bedächten, was für ein großer Segen
durch sie gewirkt wird, wenn sie ihre Kinder beten lehren und frühzeitig
den Samen göttlichen Wortes in ihre Herzen streuen!
Wer liebt am meisten?
Auf einer Pastoralconferenz erzählte ein Pfarrer: Zu mir kam
jüngst ein Officier und theilte mir mit, daß seine Frau gestorben sei.
Er war tief gebeugt und schämte sich seiner Thränen nicht. Als er mir
geschildert hatte, wie seine Frau gestorben sei, fügte er bei: „Ich darf
aber das von mir gestehen, daß ich meiner Frau das Sterben nicht
schwerer gemacht habe, als es schon ist! Ich habe ihr bis zu allerletzt
es zu verheimlichen verstanden, daß sie vor dem Tode stand. Sie sollte
nicht vor ihm erschrecken und sich fürchten. Das ist mir in meinem
Leide noch eine große Befriedigung!“ ö
Und ein anderer Pfarrer sprach: Ich bin kürzlich bei einer kranken,
alten Frau gewesen, die einen verheiratheten, an der Schwindsucht lei⸗
denden, nahe vor der Auflösung stehenden Sohn hat. Die kranke
Mutter erzählte mir: „Gestern war der Karl bei mir. Er hat sich
hergeschleppt. Sie wissen, Herr Pfarrer, wie nahe er vor dem Tode
steht, und auch, wie der Arzt ihn immer tröstet und sagt, es sei nicht
gefährlich. Aber als ich gestern meinen armen Jungen so zu mir
schleichen sah, da ist's mir schwer aufs Herz gefallen. Ich habe ihm,
als er an meinem Bette stand, gesagt: Ach, lieber Karl, du weißt,
wie ich dich lieb habe und wie ich immer dafür gebetet habe an jedem
Abend und an jedem Morgen, daß ihr Kinder alle selig werdet, und
wie ich euch alle da oben einmal wieder sehen will!“ Da hat der Karl
mich angesehen und hat geweint. Und da habe ich ihn um den Hals
gekriegt und habe ihm gesagt: ‚Ach, Karl, der Doctor belügt dich alle
Tage! Deine Mutter sagt's dir! Du bist nicht weit von der Ewigkeit!
English translation
Not yet translated.