Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 64, Nummer 4 › Seite 60
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 25. Februar 1908, Seite 60
Scan: Internet Archive, from the Graduate Theological Union's copy (one item per issue).
⤓ Download page image (full resolution)
German transcription machine transcription, uncorrected
Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Theater 5
60
sollst? Kannst du deine Freude in dem suchen, was deinen
Heiland an das Kreuz gebracht hat? Kann dich das ergötzen
und belustigen, was dem großen Gottessohne blutigen Schweiß
ausgepreßt und ihn in die dunklen Fluten eines namenlosen
Wehes gestürzt hat? Verlangt er zu viel von dir, wenn er dir in
seinem Worte sagen läßt: „Habt nicht lieb die Welt, noch was
in der Welt ist. Denn alles, was in der Welt ist, nämlich des
Fleisches Lust und der Augen Lust und hoffärtiges Leben, ist
nicht vom Vater, sondern von der Welt. Und die Welt vergehet
mit ihrer Lust; wer aber den Willen Gottes tut, der bleibet
in Ewigkeit“? Willst du deine wahre Freude im SErrn ver⸗
kaufen für das schnöde Linsengericht der eitlen, vergänglichen
Freude der Welt?
Es war im Sommer des vorigen Jahres, als ich in einer
andern Stadt auch einmal den Gottesacker unserer lutherischen
Gemeinden besuchte, wo bereits 35,000 Grabeshügel sich
wölben. Es war ein lieblicher Abend und in den scheidenden
Strahlen der untergehenden Sonne führte mich die freundliche
Gattin des Totengräbers auch an ein Grab, in welchem der
verblichene Leichnam eines jungen Ehegatten dem großen Auf⸗
erstehungsmorgen entgegenschlummert. Der junge Mann war
bei dem entsetzlichen Brande eines Theaters ums Leben ge⸗
kommen. Er war — so wurde mir erzählt — kein regelmäßiger
Besucher des Theaters gewesen, sondern hatte vielmehr lebendig
erkannt, daß die Welt da dem Götzen der Fleischeslust diene.
Aber seine junge Gattin hatte in dieser Hinsicht noch nicht eine
so klare Erkenntnis. Sie überredete darum ihren Gatten mit
vielem Bitten und Flehen, doch auch einmal mit ihr das Theater
zu besuchen. Leider hielt der junge Mann diesem Bitten und
Drängen seiner Gattin, die er von Herzen liebte, nicht stand.
Er ließ sich überreden und ging mit zur Vorstellung. Das
Spiel war im vollen Gange; aber wenn auch andere sich daran
belustigten, er fand keine Freude daran. Und als eine Stelle
im Spiele vorkam, wo das Heiligste verhöhnt wurde, da stand
er auf und sagte: „Komm, liebe Frau, laß uns hinausgehen!
Dies ist kein Ort für Christen.“ Er machte sich bereit, das
Theater zu verlassen. Aber siehe, im nächsten Augenblick schoß
ein heller Feuerschein durch den Raum, das Gebäude stand in
lichten Flammen. Alles erhob sich und eilte den Ausgängen
zu in wilder Flucht. Der junge Mann schob seine Gattin hin⸗
aus in den Gang, in den davoneilenden Menschenstrom und
bat sie, sie möge sich nur schnell in Sicherheit bringen, da er
als ein Mann sich schon leichter werde bergen können. Die
Gattin erreichte glücklich das Freie, aber nicht so ihr Mann.
Man fand hernach seinen halbverkohlten Leichnam unter den
vielen Hunderten, die dort ums Leben kamen. Welch ein Trost
war es ohne Zweifel für die junge Gattin, daß sie aus dem
Munde ihres Mannes das obenstehende Bekenntnis vernom⸗
men, daß er sein Unrecht erkannt hatte und daß er von dem
Orte, wo das Kohlenfeuer der Weltlust brannte, hatte fliehen
wollen, und man darum getrost annehmen darf, daß er als
gläubiger Christ gestorben ist. Aber welches schmerzliche Weh
mag der jungen Frau das Herz durchziehen, so oft sie der un⸗
glückseligen Stunde gedenkt, da sie ihren Mann dazu überredet
hatte, mit ihr das Theater zu besuchen. Die Abendschatten hat⸗
ten sich bei der Erzählung meiner Freundin über die Landschaft
niedergesenkt, aber noch stand ich eine lange Weile sinnend an
dem Grabe. Sag, mein lieber Christ, willst du von diesem
Grabe dir nicht auch eine Lehre mit heimnehmen?
O laßt es uns doch nie vergessen: „Die Welt vergehet mit
ihrer Lust!“ Es kommt einst ein Tag, da. wird Gott der HErr.
selbst ein Schauspiel ohnegleichen auf Erden anrichten — ein
Trauerspiel für die einen und ein Freudenspiel für die andern!
Es kommt einst ein Tag, an welchem dieser große Weltbau im
Donner des letzten Gerichts zusammenbrechen wird, an welchem
auch alle Tempel der sündlichen Lust und Freude der Welt im
Feuer des göttlichen Zorns verzehrt werden, an welchem das
tolle Lachen der Kinder der Welt in ewiges Weinen und Weh⸗
klagen verwandelt wird. Und wehe, wehe auch allen, die dann
als „Mitgenossen“ der Welt erfunden werden, die in dem sünd⸗
lichen Tun und Treiben und Wesen der Welt ihres Herzens
Lust und Freude gesucht haben! Die werden dann auch mit
der Welt verdammt werden. Darum ruft uns der Apostel so
nachdrücklich warnend zu: „Seid nicht ihre Mitgenossen!“
„Stellet euch nicht dieser Welt gleich!“
O welch ein Freudenspiel wird dann aber für diejenigen
beginnen, die hier ihre Freude im HErrn gesucht haben! Deren
Freude wird dann nicht aufhören, sie wird nun erst recht voll⸗
endet werden, wenn der HErr ihnen zurufen wird: „Kommet
her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbet das Reich, das euch
bereitet ist von Anbeginn der Welt!“ Da wird anheben das
Freudenspiel, das IEsus für die Seinen schon enbeten hat in
seinem hohenpriesterlichen Gebet, da er spricht: „Vater, ich will,
daß, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast,
daß sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben
hast.“ Gott gebe, daß unser keiner dort fehle! A. L.
Aus dem fernen Nordwesten.
Auf einem Zuge der Chicago, Milwaukee und
St. Paul⸗Bahn, 20. Januar 1908.
Lieber F.!
Ich befinde mich gegenwärtig auf einer amtlichen Reise
durch North Dakota und Kanada, und da Du neulich im „Lu⸗
theraner“ um Nachrichten aus den Synodaldistrikten gebeten
hast, so will ich, zumal die langen Eisenbahnfahrten mir dazu
Zeit geben, kurze Berichte über meine Erlebnisse schreiben und
sie dem „Lutheraner“ für seine Leser in die Tasche stecken.
Ich verließ gestern abend meine Heimat. Als ich heute
morgen aufstand, dämmerte es schon. Der Zug führte mich
durch altbekannte Gegenden South Dakotas. Hier hatte ich
einst vor 25 Jahren mit einem Fuhrwerke die Gegend abge⸗
sucht und Gemeinden gegründet. Während wir das Gebiet
des James⸗Flusses passierten, erinnerte ich mich mit Dank
gegen Gott daran, wie er damals, als ich noch des Weges un⸗
kundig war, an den morastigen Ufern dieses trägen Flusses mich
samt einem theologischen Studenten und meinem Gespann vor
dem Versinken im tiefen Schlamm bewahrt hatte. In Aber⸗
deen mußte ich Züge wechseln. Diese Stadt ist gewaltig ge⸗
wachsen. Damals predigte ich in der eben ausgelegten Stadt
in einem Kaufladen. Jetzt haben wir hier nach vielen Kämpfen
eine blühende Gemeinde, die ein hübsches Kircheneigentum be⸗
sitzt. Und South Dakota hat sich kirchlich so entwickelt, daß es
ein selbständiger Synodaldistrikt geworden ist.
Der Bahnhof in Aberdeen war mit Passagieren überfüllt.
Die meisten wollten westlich fahren, um sich an der im Bau be⸗
English translation
Not yet translated.