Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 64, Nummer 4 › Seite 64
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 25. Februar 1908, Seite 64
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Ehe · Theater 6
6 8 Der B„Tuthieraness
und unter die Gewalt des Teufels geraten ist. Bei der Lehre
von der Taufe sind die Fragen und Antworten so gebildet, daß
von einem Glauben der getauften Kinder nicht mehr geredet wird.
Bei der Lehre vom heiligen Abendmahl wird nichts gesagt vom
mündlichen Genuß des wahren Leibes und Blutes Christi, um
den Reformierten entgegenzukommen. Man schützt zwar vor, daß
die Anderungen gemacht worden seien, um die Kinder nicht mit
zu schwierigen Erklärungen und Beweisen zu belasten, aber der
eigentliche Grund ist ein anderer. Man will durch Anderung des
in großem Ansehen stehenden Büchleins einer andern Lehre den
Weg bahnen. Und darum ist das Vorkommnis so traurig.
L. F.
Dreitausend römisch⸗katholische Priester Frankreichs haben
an den Papst eine Bitte gerichtet um Aufhebung des Cölibats (des
Verbotes der Priesterehe). Sie erklären, daß das unnatürliche
Leben, zu dem das Heiratsverbot den Priester zwinge, nach ihrer
Meinung unbiblisch und ungerecht sei. Die Erfahrung lehre, daß
das Cölibat ein Fluch sei für die Kirche, und der Papst wird ernst⸗
lich ersucht, das Verbot aufzuheben. „Es würde dadurch“, so
heißt es wörtlich in der Petition, „ein Ruf der Freude und der
Erleichterung von seiten der Priester und der Katholiken durch
ganz Frankreich erschallen.“ Auch aus andern Ländern, nament⸗
lich aus Südamerika, sind in den letzten Jahren ähnliche Gesuche
an den Papst gerichtet worden. Aber keins dieser Gesuche ist be⸗
rücksichtigt worden, und die französische Petition wird auch nicht
gewährt werden. Dadurch, daß das Papfttum verbietet, „ehelich
zu werden“, 1 Tim. 4, 3; Dan. 11, 37, erweist es sich auch als
antichristisch. Es untersagt, was Gott freigelassen hat. Luther
sagt davon in den Schmalkaldischen Artikeln: „Daß sie (die Päp⸗
stischen) die Ehe verboten und den göttlichen Stand der Priester
mit ewiger Keuschheit (Ehelosigkeit) beschweret haben, das haben
sie weder Fug noch Recht gehabt, sondern haben gehandelt als die
antichristischen, tyrannischen, verzweifelten Buben und damit
Ursach' gegeben allerlei erschrecklicher, greulicher, unzähliger
Sünde der Unkeuschheit, darinnen sie dann noch stecken.“ (Müller,
Symbolische Bücher, S. 324.) L. F.
Aus Welt und Zeit.
Zwei kürzlich in Deutschland gegründete Verbände berdienen
Erwähnung und sind erfreuliche Ereignisse. Das eine ist, daß
sich ein Bund christlicher Arzte zusammengetan und den Wahl⸗
spruch erwählt hat: Alles und in allem Christus! Das ist ein
schönes Bekenntnis. Das andere ist die Gründung eines Kepler⸗
bundes. Diese Vereinigung will die Erkenntnis der Natur von
christlicher Grundlage aus fördern und steht im Gegensatz zu dem
radikal ungläubigen Monistenbund Häckels, des berüchtigten Fein⸗
des des Christentums und Apostels des Unglaubens. Keplerbund
nennt sich der Verein, weil der große Sternkundige Kepler ein
Christ war. L. F.
Bekenntnisse einer Theaterschülerin.
Die folgende Geschichte ist dem Blatte „Licht und Leben“
entnommen. In diesem Blatte ist ein Briefkasten, in welchem
auch die Frage des Theaterbesuches erörtert wurde. Nach meh⸗
reren abfälligen Urteilen und ernsten Warnungen ergriff ein
Kandidat des Predigtamtes das Wort, um den Besuch des Thea⸗
ters zu verteidigen. Darauf antwortete eine gewesene Theater⸗
schülerin mit der Erzählung ihrer Geschichte. Sie schrieb aus X.:
„Als ich Weihnachten aufatmend (ich bin nämlich vielge⸗
plagte Kunststickerin) nach Ihrem, unserer Familie schon seit
langen Jahren lieben Licht und Leben‘ griff, fand ich im Brief⸗
kasten das Eingesandt eines Herrn Kandidaten Fr. Sch. in R.
über das Theater. Vielleicht hätten Sie die Güte, jenem Herrn
auf die eine oder andere Weise meinen Brief zur Kenntnis zu
bringen. Ich fühlte mich innerlich getrieben zu schreiben, da ich
ja etwas davon verstehe. Es ist mir nicht leicht, niederzuschrei⸗
ben, wieviel Kummer ich meinen gläubigen Eltern, besonders mei⸗
ner lieben Mutter, durch den Wunsch, zur Bühne zu gehen, be⸗
reitet habe. Ich muß vorausschicken, daß ich nicht das Theater
besucht habe, auch kein Vergnügen an Tanz, Konzert und andern
weltlichen Lustbarkeiten empfand. Meine liebsten Gesellschafter
bildeten die Meisterwerke unserer Klassiker, und Schiller und
Goethe waren in meinen Augen die höchsten Geister der Welt.
Kurz und gut, ich setzte es durch, schauspielerisch zu studieren.
Mein Temperament, Organ, Figur und Talent bestimmten mich
zur Heroine (Darstellerin von Heldenrollen). Ich war glücklich.
Ich, die ich das Theater nie besucht hatte, war nun Theater⸗
schülerin. Meine zweite Rolle war „Die Jungfrau von Orleans“.
Ich arbeitete mit ganzer Hingebung. Zwar sah ich, daß meine
liebe Mutter von Tag zu Tag elender wurde, aber: Das sind
die Opfer, die der Kunst gebracht werden müssen!“ Das vierte
Gebot kam bei mir leider nicht in Betracht, da ich trotz äußerlicher
Rechtgläubigkeit innerlich tot war. Ja, ich verstieg mich sogar
so weit, in mein Abendgebet die Bitte aufzunehmen: Lieber
Gott, gib, daß ich eine recht tüchtige Schauspielerin werdel“ All⸗
mählich jedoch unterblieb mein Gebet überhaupt. Ich studierte
weiter, und mein Gewissen ließ mir, da ich nach streng christlichen
Grundsätzen erzogen bin, keine Ruhe. Ich studierte die „Emilia
Galotti“. Halt, sagte ich mir, du spielst da eine Sterbende. Wird
Gottes Blitz dich nicht auf offener Bühne zerschmettern, wenn du
ihn so versuchst? Und weiter ging's in bunter Folge: „Pre⸗
ciosa‘, „Jane Eyre“‘, Amalia in den „Räubern“, Berta von Bruneck
in ‚„Tell', Gretchen in „Faust'é, Julia in Romeo und Julia“ ꝛc.
Aber immer banger klopfte mein Herz, immer mehr erlahmte
mein Eifer. Ich gehe ja aus reinster Kunstbegeisterung zur
Bühne, ich werde gewiß und sicher eine edle Schauspielerin.
„Ich dachte weiter nach. Ich, die ich weiblichem Putz ziem⸗
lich abhold bin, sollte mich Abend für Abend mit buntem Flitter
behängen, aufgehen in Toilette⸗Sorgen und Toilette⸗Schulden,
mein Angesicht mit Schminke bemalen und auf Kommando wei⸗
nen, zürnen, lachen, lieben, küssen, Sterbende und Wahnsinnige
spielen. Oder ich sollte mich gar in Tricots stecken und Page
spielen. Mein weibliches Gefühl empörte sich dagegen und auch
dagegen, mich auf offener Scene so vielen Operngläsern auszu⸗
setzen und schlüpfrige Bemerkungen über mich wechseln zu lassen.
Und wenn ich einmal sterben würde, was sollte ich meinem Gott
auf seine ernste Frage: „Wie hast du dein Leben zugebracht?“
antworten? Vielleicht: Ich habe ganz geschickt Komödie gespielt;
man hat mir Beifall geklatscht und bald leiser, bald lauter von
mir gesagt: Ein superbes Weib!? Und war es denn so erwiesen,
daß ich sittlich fest blieb? Im tiefsten Innern meiner Brust war
eine Stimme laut geworden, die mir mit unheimlicher Deutlich⸗
keit prophezeite: O, deine Seele! Du bist eine Mörderin! Du
mordest deine eigene Seele! Sagt nicht der Heiland, jetzt auch
mein Heiland: „Aus dem Herzen kommen arge Gedanken“? Das
ist's ja: der Feind sitzt in der eigenen Brust. Was, du willst
fliehen? ermahnte ich mich selbst; das gibt's nicht, du mußt
durch! Ich biß die Zähne zusammen und studierte weiter. Auf
Zureden eines lieben, greisen Predigers stellte ich meine Studien
ein. Aber nur in dem Gedanken: Bis du mündig wirst!
„Da predigte vor einiger Zeit Herr Prediger E. S. — Got⸗
tes Segen über ihn! — in unserer Stadt. Da fand mich mein
Heiland, verirrt, wie ich war, umschlungen von den Dornenhecken,
ich möchte sagen, fast dämonischen Theaterzaubers! Er löste
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