Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 13 › Seite 238
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 22. Juni 1915, Seite 238
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238 Der „Tuthieranet
halt des Kirchendieners aufgebracht werden solle, so stände das
zwar auch noch in einem gewissen Zusammenhang mit der Kirche,
aber größere Gaben wären in diesem Falle offenbar nicht an—
gebracht, da es sich um die Aufbringung einer nur geringen
Summe handelt. Hier finden die Cent⸗ und die Fünfeent⸗
gaben am ersten ihren Platz. Aber wenn es sich direkt um
die großen Sachen des Reiches Gottes handelt, um die Pre—
digt des Evangeliums in der Welt, um Mission, Lehranstalten
usw., also um Dinge, zu deren Ausrichtung die Christen eigent—
lich noch in dieser Welt sind, und die Welt überhaupt noch steht
(Matth. 24, 14): wenn wir in diesem Falle nach möglichst
kleinen Gaben trachten, so ist große Gefahr vorhanden, daß
wir dabei überhaupt nicht an unsern Heiland denken, nicht ihm
opfern, sondern nur mechanisch geben, um den Schein des
Gebens aufrechtzuerhalten. Wenn wir an unsern Heiland
denken, der sich so ganz für uns gegeben hat und nun von uns
haben will, daß wir uns aus Dankbarkeit in den Dienst der
Predigt des Evangeliums stellen: wenn wir hieran denken,
so bringt das notwendig mit sich, daß wir nicht nach möglichst
kleinen, sondern nach möglichst großen Gaben trachten.
Trachten nach kleinen Gaben in diesem Falle beweist nicht
Willigkeit, Christo zu dienen im heiligen Schmuck, sondern das
Gegenteil, Unwilligkeit und Geiz. So werden auch die kleinen
Gaben völlig wertlos vor Gott. Es schleicht sich hier leicht auch
bei Christen Selbstbetrug infolge des uns noch anhängenden
geizigen Fleisches ein. Es kommt vor, daß ein Christ fühlt,
er könnte und sollte mehr für das Evangelium geben, als er
tatsächlich gibt. Er fühlt, das Wieviel seiner Gabe steht gar
nicht im Verhältnis zu seinen Mitteln und zu der Größe der
Sache. Aber trotzdem bleibt er bei der geringen Gabe und
quält sich innerlich, den Mangel der Quantität durch die Quali⸗
tät zu ersetzen, indem er sich einredet und vornimmt, er wolle
seine geringe Gabe so „recht von Herzen“ geben. Die Rede:
„Wenig, aber von Herzen“ hat unter Umständen seine volle
Berechtigung, wenn jemand wirklich nur wenig hat. Wir kom⸗
men dann in die Nähe der Herrlichkeit des „Scherfleins“
der Witwe. Aber wenn das Gewissen mahnt, daß wir in An⸗
betracht unserer Mittel und in Anbetracht der Wichtigkeit der
Sache mehr geben könnten und sollten, dann kann das „Wenig,
aber von Herzen“ leicht einen Selbstbetrug verdecken. Alles
innerliche Drücken auf Qualität wird vergeblich sein und den
Mangel der Quantität nicht ersetzen. Hier ist vielmehr an ein
anderes Sprichwort zu denken: „Quality goes with quantity.“
Haben wir also auch sorgsam acht auf das Quantum unserer
Gaben! Der SeéErr wird uns in allen Dingen Verstand geben.
3. Das Trachten nach kleinen Gaben hat auch seine große
Gefahr, wenn wir auf den Lohn sehen. Gott hat auf alle
Gaben, die wir ihm geben, einen herrlichen Lohn, einen Gnaden—
lohn, gesetzt. Daraus erkennen wir so recht die große Gnade
und Güte unsers Gottes. Ganz unisonst, ohne jegliches Ver—
dienst der Werke unsererseits, allein um Christi vollkommenen
Verdienstes willen, gibt Gott uns den Himmel und die Se⸗
ligkeit. „Aus Gnaden seid ihr selig worden durch den Glau—
ben; und dasselbige nicht aus euch, Gottes Gabe ist es; nicht
aus den Werken, auf daß sich nicht jemand rühme“, Eph. 2, 8.
Aber Gott ist über die Maßen gnädig und gütig. Wenn wir
ihm umsonst, das heißt, lediglich aus Dankbarkeit für die uns
in Christo erzeigte Barmherzigkeit, dienen, so soll es doch
insofern nicht „umsonst“ sein, als er alle ihm getanen Werke
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mit einem herrlichen Gnadenlohn ewig krönen will. So sind
die guten Werke der Christen ungeheuer viel wert. Luther sagt,
sie sind mehr wert als die ganze Welt. Die Welt und alles,
was darinnen ist, wird am Jüngsten Tage verbrennen; aber
die guten Werke der Christen werden nicht verbrennen, son—
dern die folgen ihnen nach, Offenb. 14, 13. Daher sollen wir
auch nicht nach kleinen, sondern nach großen Gaben für Chri—
stum und sein Evangelium trachten. Daran erinnert der Hei⸗
lige Geist, wenn er in der Schrift sagt: „Wer da kärglich säet,
der wird auch kärglich ernten; und wer da säet im Segen,
der wird auch ernten im Segen“, 2 Kor. 9, 6. Kluge Haus—
halter über das irdische Gut, das uns Gott gegeben hat, sind
wir nur dann, wenn wir davon mit vollen Händen unserm Gott
wiedergeben. Es gibt viele Narren in der Welt. Die ganze
ungläubige Welt ist närrisch. Aber die größten Narren sind
die Christen, wenn sie bei vorhandenen Mitteln nach möglichst
kleinen und wenigen Gaben trachten.
4. Mit dem Trachten nach kleinen Gaben bereitet der Christ
sich selbst ein stetes Argernis, indem er sich dadurch zum
Zweifel an seinem Gnadenstand und der Wahrheit der christ⸗
lichen Religion anleitet. Gute Werke sollen nach der Schrift
auch zu dem Zweck getan werden, daß wir an ihnen ein äuße⸗
res Zeugnis für unsern Glauben haben. Das innere
Zeugnis des Heiligen Geistes für unsere Gotteskindschaft haben
wir durch den Glauben an das Evangelium, den der Heilige
Geist in uns wirkt und erhält. Aber der Heilige Geist, der
durch den Glauben in unsern Herzen wohnt, treibt uns nun
auch zu guten Werken, und zwar auch zu dem Zweck, daß wir
auch von unsern Werken das Zeugnis ablesen können: „Du
bist ein Kind Gottes, denn du liebst die Brüder, hast Gottes
Wort lieb, seine Kirche auf Erden geht dir über alles“ usw.
So gewiß die Christenwerke nicht aus dem Fleisch, sondern ledig⸗
lich aus dem Geist kommen, haben wir an unsern Christen⸗—
werken das äußere Zeugnis des Heiligen Geistes für unsern
Gnadenstand. In diesem Sinne sagt die Schrift von der Hei⸗
ligung und den guten Werken: „Darum, liebe Brüder, tut
desto mehr Fleiß, euren Beruf und Erwählung fest zu machen“,
2 Petr. 1, 10. In demselben Sinne sagt auch unser luthe⸗
risches Bekenntnis: „Wie in andern Sakramenten Christus die
Verheißung heftet an das äußerliche Zeichen, also heftet er auch
hie die Verheißung von Vergebung der Sünde an die äußer⸗
lichen guten Werke.“ (Apologie, S. 134.) Was tun wir
daher, wenn wir, wie in der Heiligung und guten Werken, über⸗
haupt unfleißig sind, so in den Gaben für das Evangelium
geizen? Wir stellen uns durch das Trachten nach kleinen Gaben
immerfort das Zeugnis aus: „Mit deinem Christentum ist es
schlecht bestellte. Der Zweifel an dem Gnadenstand bei uns
ist sicherlich in vielen Fällen auch durch unser Geizen beim
Geben für das Reich Gottes verursacht. 1
5. Das Trachten nach kleinen Gaben wird aber auch leicht 3
zum Argernis für die ungläubige Welt. Wie die
Welt auf den Wandel der Christen überhaupt ein scharfes Auge
hat, so insonderheit auf die Gaben der Christen für ihre Kirche.
Die Welt freut sich, wenn sie einen Christen fallen sieht, und
telegraphiert das über den ganzen Kontinent, weil sie darin
eine willkommene Entschuldigung für ihren Unglauben sieht.
Aus demselben Grunde freut sie sich auch ganz ungemein, wenn⸗
sie wahrnimmt, daß die Christen über beständige Geldverlegen—
heit in ihrer angeblich so wichtigen Sache zu klagen haben und
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