Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 13 › Seite 242
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 22. Juni 1915, Seite 242
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Unzucht · Zeit 3
*
222 S Der Vu
theraner
Die Needhamisten. Anführer dieser Sekte ist S. B.
Needham, „der hebräische Prophet“. Needham ist ein Jude,
der jetzt ein verkehrtes Christentum in Kansas City, Mo.,
predigt. Er sagt, er sei der „Verachtetste und Allerunwerteste“,
von dem Jesaia in seinem 53. Kapitel rede, und sei gesandt,
der Welt zu verkündigen, daß die Lehrer der Christenheit bis—
her „verdammlichen Irrtum“ gepredigt hätten. Vor allem sei
es eine „teuflische Irrlehre“, daß Gläubige nach ihrem Tode
inn Himmel bei Christo seien! Er schreibt: „Millionen von
diesen irregeführten Christen schließen die Augen im Tode und
glauben an eine Seligkeit im Himmel.“ Seine Schriften
strotzen von Unsinn. Zum Beispiel behauptet er, er lebe jetzt
schon zum zweiten Male auf Erden. Er leugnet aber die zweite
Zukunft Christi, stellt sich also über den HErrn, der nur ein—
mal auf Erden war, während er, Needham, schon zum zweiten—
mal erschienen ist. Unter seinen Anhängern sind gewesene
Lutheraner.
Mission des Apostolischen Glaubens. Diese
Sekte hat ein in Portland, Oreg., erscheinendes Blatt, TNe
Apostolic Fait3u. Ihre Verkündiger reden sehr viel vom tau—
sendjährigen Reich und zweiten Advent Christi und lehren,
daß sie alle Arten von Krankheiten heilen können. Das Blatt
enthält viele Dankbriefe von Geheilten. Die Heilungen werden
durch geweihte Schnupftücher gewirkt. Heilungen
von Krebs, Rheumatismus, laufenden Ohren und der An⸗
gewohnheit des Tabakschnupfens werden in der vorliegenden
Nummer der Zeitschrift gemeldet. Ein armer Tor schreibt, er
habe jetzt den Spiritismus aufgegeben, „weil der vom Teufel
sei“. Wo wohl die „Apostolische Glaubensmission“ her—
kommt?
Der große Mittelpunkt. (Grand Rapids, Mich.)
Eine der ganz unsinnigen Schwärmereien, die als New—
Thought“, „Higher Thought“ und unter noch andern Namen
in fast allen größeren Städten in den Vereinigten Staaten
und Europa verbreitet ist. Die Sekte schreibt zum Beispiel vor,
daß ihre Glieder am 15. Februar über den Satz „Gott erfüllt
sich in mir“ nachdenken sollten. Durch Hungern und Tiefatmen
will man übernatürliche Kräfte erlangen. „Da sie sich für
weise hielten, sind sie zu Narren worden.“ An sinnlosem Ge⸗
wäsch stehen die Zeitschriften dieser Leute selbst von den Theo—
sophen unübertroffen da.
Wenn bei dem New Thought“ der Verstand aufhört, so
fängt wohl bei den Eoy Rollers das eigentlich Satanische an.
Man kann die Berichte über das Gebaren dieser Menschen nicht
lesen, ohne an leibliche Besessenheit zu denken. Bei den Ver—
sammlungen der Holy Rollers verfallen die Anwesenden in
eine Art Wahnsinn oder Schlimmeres, um die „Wiedergeburt“
herbeizuführen. Wer durch Gebet, Baden, Taufen nicht „von
Sünden gereinigt“ ist, wird auf den Boden gelegt und rollt
nun so lange von einem Ende des Versammlungslokals zum
andern, bis „der Teufel der Sünde“ ihn verlassen hat. Der
Gründer der Sekte ist ein Mann namens Creffield gewesen,
der sein Unwesen im Nordwesten unsers Landes trieb. Er
lockte besonders die Frauen und Mädchen an sich, indem er
vorgab, er sei bestimmt, Vater des zweiten Christus zu werden.
Er behauptete auch, unsterblich zu sein, bis er von dem Bruder
eines Mädchens, das er verführt hatte, erschossen wurde. Die
Holy Rollers sind ihrer Art nach eine Erscheinung, die vieles
gemein hat mit der sogenannten
Pfingstbewegung. Das ist eine Bewegung, die sich
vor einigen Jahren über die ganze Erde verbreitete, viele Chri⸗
sten beunruhigte und große Scharen dem Abgrund zuführte.
Die Leiter dieser Bewegung gaben vor, mit Zungen reden
zu können wie die Jünger am ersten Pfingsttag. Daher der
Namen „Pfingstbewegung“, Pentecostal Movement“. Dieje⸗
nigen, welche angeblich diese Gabe empfangen haben, reden in
Worten, die sie selbst nicht verstehen, die aber auch denen, die
sie hören, ebenso unverständlich sind. Nach Angabe von Augen—
zeugen ertönt in den Versammilungen plötzlich ein hysterischer
Schrei aus der Mitte der Versammelten, und dann gibt's ein
Durcheinander und Lärm, nervöse Zuckungen, aufgeregte Ge⸗
stikulationen und manche andere Dinge, die alles andere, nur
keine geistlichen Empfindungen wecken. Ein Schwall von
Worten folgt, die unbeschreiblich, aber auch ganz unverständ—
lich sind. Dem Bericht über eine Versammlung der Pfingst—
leute in Hessen⸗Kassel entnehmen wir folgende Sätze: „Nach
gemeinsamem Gesang eines Liedes springt plötzlich ein junger
Mensch auf, unter wilden Gebärden und verzerrten Mienen
unartikulierte Laute ausstoßend. Der Geistliche nähert sich
dem Jüngling und teilt dann der Gemeinde mit, daß der
SErr spreche, und der HErr nahe sei! Die Menge lauscht
eine Weile wie elektrisiert, um alsdann in einen wahnsinnigen
Jubel auszubrechen. Händeklatschen, Niederknien, Rufen und
Schreien sind die äußeren Zeichen des Beifalls und der inneren
Ergriffenheit der Versammlung. Einzelne behaupten, das Blut
Christi fließen zu sehen. Frauen umarmen sich unter dem Rufe:
„Ich habe den HErrn JEsum gewonnen!'“ „Man ist sehr
geneigt“, sagt ein anderer Berichterstatter über die Zungen—
redner, „solche Beschreibungen für übertrieben zu halten, aber
zuverlässige Zeugen haben wiederholt erklärt, daß die Wirklich—
keit des wilden Durcheinanders jede Vorstellung, die man sich
mache, überstiegen habe, daß man sich von der Aufregung und
der auch gesunde, ruhige Leute ergreifenden Gewalt des nerven—
erschütternden Treibens kaum einen Begriff machen könne. Ge—
sunde Leute glaubten, den Verstand zu verlieren und ohne
Gefahr für Gesundheit und Leben nicht über eine kurze Zeit
darin verharren zu können. Schon vor Erscheinen des Ver—
sammlungsleiters erhob etwa in dem gedrängt gefüllten Raum
einer ein erschütterndes Brüllen, das er auch während der
Reden fortsetzte, bis er entfernt wurde.“ Die Pfingstredner
in Kassel sahen es als eine Erhörung ihrer Gebete an, daß
auch in einem Jungfrauenverein Mädchen in Zuckungen ge—
rieten, vom Stuhle fielen, mit Zungen redeten, daß sämtliche
Anwesenden wohl eine halbe Stunde lang durcheinander beteten,
schrien, weinten, bekannten, jauchzten, und daß hiergegen keine
einzige mehr standhielt, daß sie, auf den Knien liegend, am
Ende wenigstens laut mitweinten und tagelang nicht zu be—
ruhigen waren.
In unserm Lande sind die Vertreter dieser Sekte auch als
Holy Jumpers bekannt. Eine Versammlung dieser Fanatiker
in Des Moines, Jowa, wird von einem Augenzeugen, wie folgt,
beschrieben: „Bei diesem Gottesdienst winden sich die Gläubi—
gen wie Fallsüchtige auf dem Fußboden, springen hoch empor,
plappern, schreien, knirschen mit den Zähnen und schlagen ein—
ander auf die Köpfe. Der Montagabend stattgehabten religiösen
Versammlung wohnten Leute bei, die mit einer Untersuchung
beauftragt waren. Das Geschrei, der Lärm und das Zähne—
knirschen kam von Fräulein Ethel Wallace, die ihrer ganzen
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