Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 13 › Seite 250
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 22. Juni 1915, Seite 250
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Mer „VTutheranedE
häusliche Arbeit, womit sie den Tag hinbringt; ist sie aber
wohlhabend oder gar reich, dann ist ihr Leben ein nichtiges Spie⸗
len und Träumen. Ein schönes Kleid nach dem andern wird an⸗
und wieder ausgezogen, der kostbare Schmuck wird besehen und
angelegt, und ein großer Teil des Tages zum Schwatzen und
Klatschen benutzt. Denn in der Regel wohnt eine größere Anzahl
von Familien in dem Hause; die verheirateten Söhne, die noch
gar nicht immer etwas verdienen, bleiben bei den Eltern. So
ist solch ein Haus dann oft wie ein Vorhof der Hölle, voll Zank
und Streit, voll Haß und Lüge, voll Schmutz und Unordnung.
Wir müssen ja auch bedenken, daß viele Männer mehrere Frauen
heiraten; und da ist dann erst recht von einem Familienleben
keine Rede.
Es gibt natürlich auch Frauen, die freundlich und liebevoll
behandelt werden; aber die Regel ist es nicht. Bei den Mahl⸗
zeiten müssen sie die Männer bedienen und mit verdecktem Gesicht
zur Seite stehen, bis diese sich gesättigt haben; dann dürfen sie
die überreste essen.
Außer zum Baden oder zu einer heiligen Handlung im Tem—
pel verlassen die Hindufrauen die Zenana nicht, und wenn aus⸗
nahmsweise einmal eine kurze Reise vorkommt, so können sie aus
der festverhüllten Sänfte doch keinen Blick in die Außenwelt tun.
Da verstehen wir es, wie eine Frau von 35 Jahren eine Mis⸗
sionarin fragt, wie ein Baum aussieht, und daß eine andere einen
Strauß Blumen mit Küssen bedeckt, weil sie etwas Ahnliches
noch nie gesehen hat.
Freilich ganz ohne Sonnenschein ist selbst solch elendes Leben
nicht. Die junge Frau wird Mutter eines Sohnes und erwirbt
sich damit im Hause eine viel angesehenere Stellung. Der Mann
behandelt sie mit Achtung; selbst die Schwiegermutter, vor der
sie oft gezittert hat, ist freundlich gegen sie. Und wie getröstet
ist sie beim Gedanken an ihren Tod: wenn ihr ein Sohn den
Scheiterhaufen anzündet (die Hindu begraben ihre Toten nicht,
sondern verbrennen sie), so hat sie viel schneller Aussicht, in den
Himmel zu kommen. Daher sagt das indische Sprichwort: „Der
Sohn ist der Erlöser.“ Aber dafür ist sie dem Sohne auch großen
Respekt schuldig. Ist er zehn Jahre alt, so muß sie ihn mit
Herr anreden; er ißt mit den Männern und wird von der Mutter
bedient. Sehr selten wagt es eine Hindumutter, ihren Sohn zu
züchtigen, wenn er es auch hundertmal verdient hätte; er könnte
sie ja dafür in Unseligkeit stürzen, wenn er nach ihrem Tode
die Anzündung des Scheiterhaufens verweigerte! Also auch ihr
Mutterglück ist nach unsern Begriffen kein ganzes und rechtes.
Und wie nagt die Sorge daran, wenn der Sohn einmal erkrankt!
Wie verzweifelt ist ihr Schmerz, wenn er gar stirbt! Es ist ja
eben nicht nur ein liebes Kind, sondern ihr „Erlöser“, der in des
Todes Abgrund versinkt.
Die Sterblichkeit unter Frauen und Kindern ist in Indien
ungeheuer groß. Kein Arzt darf die Frauengemächer betreten,
die allen fremden Männern verschlossen sind. Da sind denn die
armen Frauen nur den Krankenwärterinnen überlassen, die voller
Aberglauben stecken, von rechter Pflege aber nichts verstehen. Und
nun denken wir daran, wie in jenem heißen Lande die Cholera
und andere Epidemien gar kein Ende nehmen; dafür sind ja die
Zenanas mit ihrem Schmutz, ihrem Mangel an Licht und frischer
Luft wahre Herde der Ansteckung. Wenn dann so eine arme Frau
krank wird, spürt sie nichts von zarter, liebevoller Fürsorge, mit
der wir unsere Kranken umgeben.
Die Heiden glauben ja nicht daran, daß die Krankheit eine
natürliche Ursache haben könnte; ein böser Geist, eine Bezau⸗
berung ist schuld daran; und so wird der unglückliche Patient nicht
ein Gegenstand besorgter Pflege, sondern des Schreckens oder gar
des Abscheus; er wird aus dem Hause hinausgetan in eine
schmutzige, dunkle Nebenhütte oder auch einfach ins Freie gebracht,
nur selten besucht, nur mit den allernötigsten Lebensmitteln ver⸗
sehen, mit nichts erquickt oder getröstet.
Und wieder ist es die Frau, die mit doppelter Rücksichts⸗
Aber all ihr Elend ist noch gering zu
losigkeit behandelt wird.
nennen im Vergleich zu der Trübsal, die ihrer wartet, wenn sie
Witwe wird.
Wir versetzen uns in ein indisches Trauerhaus!
Leiche des Mannes jammert herzzerreißend die Witwe. Aber
keiner kommt, sie zu trösten und mit ihr zu trauern. Wilde Ver⸗
wünschungen sind es vielmehr, häßliche Schimpfworte, womit man
ihre Klagen unterbricht. „Abscheuliche Schlange“, schilt die
Schwiegermutter; „meinen Sohn hat sie getötet, und sie, das
Sofort erscheinen einige
Frauen, die ihr das schöne Haar abscheren, sie in grobe Gewänder
hüllen und der Weinenden unter harten Worten ihren reichen 4
Schmuck abreißen, vor allem die Tali, eine goldene Medaille, die .
unnütze Geschöpf, bleibt zurück!“
dieselbe Bedeutung hat wie bei uns der Trauring. Sitzt der
Schmuck etwas fest, dann wird er mit roher Gewalt entfernt;
man wirft die Armste zu Boden, zerhämmert mit einem Stein
die Arm⸗ und Fußringe, ohne danach zu fragen, ob man der
Witwe schwere Wunden damit beibringt.
Und diese grausame, geradezu unmenschliche Behandlung
hört nicht etwa nach den ersten Trauertagen auf; nein, solange
die Witwe lebt, ist sie wie eine Ausgestoßene, Verworfene, im
Hause. Ihr Mann ist nicht mehr, darum ist sie selbst auch nichts
niehr. Und außerdem hat sie — das ist der allgemeine Glaube —
ja selbst durch Sünden, die sie entweder in diesem oder in einem
andern Leben begangen hat, jetzt den Tod ihres Gatten ver—
schuldet!
So ist denn das jammervollste Elend ihr Los, bis einmal der
Tod sie daraus erlöst.
kahl geschoren; nie wieder darf sie ein Schmuckstück tragen; der
harte Fußboden ist in gesunden und kranken Tagen ihr Lager, eine
kümmerliche Mahlzeit alles, was sie den ganzen Tag erhält. Die
schlechtesten und schwersten Arbeiten im Haushalt muß sie verrich⸗
ten, ganz einerlei, ob sie eine vornehme Dame oder eine alters⸗
schwache Greisin ist.
Blick oder ein teilnehmendes Wort für sie.
Und wie groß ist die Zahl der Witwen in Indien, die in
diesem Elend schmachten!
sechste Teil der weiblichen Bevölkerung! Es sind ihrer vielleicht
60,000 unter neun Jahren, davon über 10,000 unter vier Jah⸗
ren. Welch ein langer, endlos langer Weg liegt vor diesen
Armsten, ein Weg durch lauter Schmach und Verachtung, vielleicht
siebzig, achtzig Jahre lang!
Man wird nicht oft in Indien ein Haus finden, wo nicht
wenigstens eine Witwe ist. So ist fast jedes Haus eine Stätte
des Elendes und der Trostlosigkeit — ja der Trostlosigkeit. Denn
jene Unglücklichen kennen nicht das Licht, das uns in der dunkel⸗
sten Trübsalsnacht leuchtet: „Wenn mir gleich Leib und Seele
verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost ö
Sie sind ja arme, blinde Heiden, die vor den;
und mein Teil.“
toten und stummen Götzen knien, die nichts wissen von einem!
Gott der Gnade und des Erbarmens.
Nacht ihres Elends nicht der helle Stern der Hoffnung auf ein
besseres Leben nach dem Tode, auf die selige Ewigkeit, wo Gottes 4
Hand abwischen wird alle Tränen von unsern Augen. Tausend- A
mal ist ihr ja das unbarmherzige Wort ins Gesicht geschleudert
worden, daß sie wegen ihrer Sünden Witwe geworden, daß sie
als Schlange, als Tiger würde wiedergeboren werden.
Trotz alledem dünkt vielen Witwen der Tod immerhin ein
Erlöser aus ihrem jammervollen, elenden Leben zu sein. Und!
wir können es gewiß verstehen, daß früher die Sitte der Witwen⸗
verbrennung in Indien so weit verbreitet war. So haben sich
An der
Immer von neuem wird das Haupt ihr
Niemand im Hause hat einen frenndlichen.
Es sind an 25 Millionen, etwa der
ö
3
Für sie leuchtet in der 3
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