Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 13 › Seite 248

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 22. Juni 1915, Seite 248

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S

stische Partei sich nur der überredung bedient, um Glieder
zu gewinnen und festzuhalten. Nicht überredung, sondern viel⸗
fach Gewalt und Drohungen werden angewandt, um Glieder zu
gewinnen und in Reihe und Glied zu halten. In der Stadt
Braunschweig stellten letztes Jahr am Bußtag die Sozialisten
Streikposten (pickets) vor den Kirchtüren auf, um so in Erfah⸗
rung zu bringen, welche ihrer Genossen etwa noch so rückständig
wären, zur Kirche zu gehen. Ein Berliner Pastor erzählt, er
habe viele Beispiele dafür, wie schwer auf den Gewissen mancher
Christen, die sich äußerlich zu den Sozialisten halten, die
„schwere Faust des Sozialismus“ liegt. Wenn darauf hinge⸗
wiesen wird, daß besonders in Arbeitervierteln, in denen viele
Sozialisten wohnen, die Kirchen vor dem großen Krieg leer stan⸗
den, antwortet dieser Pastor: „Ob nicht dieser Schein trügt?
Wie soll man folgende Erfahrungen beurteilen? Ein Vater von
Konfirmanden kam zu mir und sagte: „Glauben Sie nur nicht,
daß ich kein Christ bin, weil ich nicht zur Kirche gehe! Ich kann
es nicht; die Sozialdemokraten würden meinen Laden bohkottie⸗
ren, und dann wäre ich in dieser Gegend verloren.“ Ein anderer
meldete die Trauung seiner Tochter an, bat aber, sie möchte ganz
heimlich getraut werden, weil ihm sonst der geschäftliche Ruin
sicher sei.“ (Bekanntlich sind die Sozialisten gegen kirchliche
Trauungen.) „Ein braver Junge trat aus dem Jugendverein
aus, weil sein Vater und er sonst zu sehr von den Sozialdemo⸗
kraten gepeinigt würden. Ein Fabrikarbeiter erzählte davon, daß
sozialdemokratische Genossen ihm in der Fabrik durch Einschieben
von Hölzchen an unsichtbarer Stelle die Maschine verdürben oder
zu zeitweiligem Stillstande brächten; er dürfe sich nicht offen an
der Kirche beteiligen, weil ihm sonst dieser Streich wieder gespielt
werden, und er seine Stelle verlieren würde. Wir haben Trau⸗
ungen spät abends ansetzen müssen, damit sich sozialdemokratisch
bewachte Paare im Dunkel zur Kirche stehlen könnten. Solche
Fälle erlebt jeder Pfarrer in Groß-Berlins Arbeitervierteln.“
Was antwortet die Sozialdemokratie, dieser „Hort der Freiheit“,
auf solche Anklagen? Ohne Zweifel geht es vielfach, wie an
obigen Beispielen zu sehen ist, bei der Agitation für den Sozia⸗
lismus nach der Melodie: „Und willst du nicht mein Arnder
sein, so schlag' ich dir den Schädel ein.“ G.

Auf die Gründung einer katholischen politischen Partei wurde
von Kardinal O'Connell in Boston vor einiger Zeit angespielt.
Es geschah das im Verlauf einer Rede, die er in Boston vor
einem Männerverein seines Bistums hielt. O'Connells Worte
lauteten: „Laßt uns das Ungerechte der uns bisher widerfah⸗
renen Behandlung durch die Eroberungen, die wir in der Zu⸗
kunft machen werden, beweisen. Ich meine keine politischen Er⸗
oberungen. Wir wollen keine katholische Partei, wenn nicht die
Kampfesweise der europäischen Freimaurer und Anarchie uns
dazu zwingt, wenn nötig, mit dem Stimmzettel in der Hand
unsere Altäre und Heime zu schützen. Wir sind der Verleum⸗
dungen müde, und eure Gegenwart erfüllt mich mit einer Hoff⸗

nung auf Tage, glücklicher und heiliger als diese.“ Wer den
Jesuitendialekt versteht, weiß, daß die angeführten Worte O'Con⸗
nells diesen Sinn haben: Man beginnt uns hierzulande zu
kennen, wie man uns in Europa schon lange kennt; dort haben
Freimaurer und andere uns fast alle politische Macht genommen
(nur um politische Macht handelt es sich, denn kein europäischer
Freimaurer hat bisher den Katholiken die freie Ausübung ihrer
Religion zu rauben gesucht); man versteht hierzulande immer
besser, was wir mit dem Rufe: „Macht Amerika katholisch!“
sagen wollen, und die bestehende Freiheit der Rede und der Presse
macht es möglich, daß man die Absichten der katholischen Kirche
in Wort und Schrift aufzuklären versucht. Wenn das so weiter⸗
geht, will O'Connell sagen, müssen wir als geschlossene Masse in
der Politik, als katholische Partei, auftreten. Und wenn ich diesen

großen Verein katholischer Männer sehe, dann lacht mir das
Herz im Leibe; denn das sind so viele Stimmen, durch
die wir unsere politischen Ziele erzwingen können. So hätte
der Kardinal reden müssen, wenn er seinen Worten deutlichen
Ausdruck hätte geben wollen. Seit dieser Rede ist es geschehen,
wie seinerzeit im „Lutheraner“ berichtet wurde, daß eine katho⸗
lische Massenverfammlung in Boston dagegen protestierte, als
man den Katholiken durch ein neues Gesetz die Macht nehmen
wollte, aus der Kasse des Staates Geld für katholische Schulen
zu ziehen. Man hat die Rede O'Connells also sehr gut ver⸗
standen. „Kampf für unsere Altäre“ bedeutet dem Katholiken
so viel als Kampf für alle Vorrechte, die sich das Papsttum durch
List und Gewalt im Staate vor andern Religionen erringen kann.
G.

Sind die Heiden glücklich? Das wird manchmal behauptet.
Man sagt sogar, es sei ein Unrecht, sie in ihrer natürlichen
Unschuld zu stören, indem man ihnen die Religion der zivilisier⸗
ten Völker, das Christentum, bringe. — Dazu ist zweierlei zu
sagen. Erstens haben diese zivilisierten Völker das Christentum
nur so bekommen, daß ihnen einst in ihrer heidnischen Fin⸗
sternis das Evangelium von Christo gebracht worden ist. So⸗
dann tritt eine große Unwissenheit darin zutage, wenn man
von dem Glück, der Unschuld der wilden Völker, überhaupt
der Völker, die dem Christentum noch ferne stehen, redet. Was
zum Beispiel die Japaner betrifft, von denen man auch manch⸗
mal die Rede hört, man solle ihre alte Zivilisation durch das
Christentum nicht verdrängen, der Christenglaube passe auch
gar nicht für dieses eigentümliche Volk, sie seien so glücklich
in ihrem Zustand, so hat über das innere Elend gerade dieses
heidnischen Volkes ein englischer Missionar, H. H. Cook, folgendes
als das Ergebnis seiner Beobachtungen geschrieben: „Wer die
Japaner nur oberflächlich beobachtet, mag sie für das glücklichste
Volk in der Welt halten. Das lustige Lachen der Kinder auf
den Straßen, das heitere Gelächter, das aus den überfüllten
Schulen jeder Stadt und jedes Dorfes ertönt, und selbst das frohe
Geplauder der Leute aller Lebensstellungen scheinen unverkenn⸗
bare Anzeichen dafür zu sein, daß dies Volk das menschliche Da⸗
sein größtenteils von der heiteren Seite ansieht. Wenn noch
andere Beweise für das Wohlbefinden des Volks verlangt würden,
so könnte man auf die Einfachheit des japanischen häuslichen
Lebens hinweisen und es mit den zusammengesetzten Zuständen
westlicher Länder vergleichen, oder an die gemächlichen Arbeiter
erinnern, die dreimal oder viermal des Tags von ihrer Arbeit
ruhen, um ihre kleinen Pfeifen zu rauchen und mit ihren Kame⸗
raden über das Glück und Unglück der „großen“ Männer ihrer
Bekanntschaft zu reden. Was man auch von ihren niedrigen
Löhnen denken mag, sie leiden gewiß nicht von überanstrengung.
Dazu treten die Segnungen, die der Fortschritt in materieller
Bildung dem japanischen Volk gebracht hat. Das elektrische
Licht, der Fernsprecher und viele andere Erzeugnisse der neueren
Wissenschaft finden ihren Weg bis zu den entlegensten Dörfern.
Die Erziehung, von den täglichen Zeitungen trefflich unterstützt,
bringt eine Fülle von Aufklärung, die, mit dem allmählichen
Fortschritt des staatlichen Lebens, viel zur Behaglichkeit, zur
Weisheit und zum Glück des Volkes beitragen sollte. Was macht
es da aus, fragt man sich, wenn dies Volk mit seinen 800,000
Götzen mehr und mehr ungläubig wird? Warum soll man sie
nicht ihrem selbstgewählten Geschick überlassen, solange sie glück⸗
lich sind? Ich würde mich dieser Art zu folgern anschließen
können“, sagt nun dieser Missionar, „wenn bewiesen werden
könnte, daß das japanische Volk auch nur nach menschlicher Rede⸗
weise glücklich wäre, sagen wir, auch nur halb so glücklich wie
die Bewohner christlicher Länder. Nur der niederdrückende Ein⸗
fluß des Buddhismus und die Sklaverei langjähriger Gewohn⸗

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