Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 13 › Seite 247

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 22. Juni 1915, Seite 247

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8 Ver „Tutheranes 247

—

Weg klar vorgezeichnet, in kindlichem Gottvertrauen mit meiner

Familie auf meinem Posten auszuharren und hinzunehmen,
was Gott schickt.“

Gewiß, alle Christen freuen sich über diesen Entschluß,
der die Gesinnung eines rechten Birten zeigt, der bei seinen
Pflegebefohlenen auch in der Stunde der größten Gefahr bleibt,
um deren Herzen mit Gottes Wort zu stärken. Wir denken
dabei an Luther, der auch beim Ausbruch der Pest in Witten—
berg blieb und die Kranken und Sterbenden mit Wort und
Sakrament versorgte. Hoffentlich ist die Summe Geldes, die
abgesandt war, ehe dieser Brief geschrieben wurde, glücklich
in die Hände unsers Missionars gelangt. Fleißig sollten wir
aber jetzt beten für unsere lieben Glaubensgenossen zu unserm
Gott, daß er, der einst die treuen Bekenner Sadrach, Mesach
und Abednego im feurigen Ofen beschützte, über sie seine schir—
mende Hand halten wolle. P. Knippenberg schließt seinen Brief
mit den Worten: „Ach, wie bedürfen wir der Gebete unserer
lieben Glaubensgenossen! Wir sind geachtet wie Schlachtschafe.
Es haben sich Leute aus bloßer Angst das Leben genommen.
Gott erbarme sich unser und lasse uns von Herzen sprechen:
Vater, vergib unsern Bedrängern; sie wissen nicht, was sie tun!“

Karl Schmidt.

Zur kirchlichen Chronik.

Unsere brasilianische Anstalt. Aus unserer Anstalt in Porto
Alegre, Brasilien, wurde vor einiger Zeit an ein Blatt unserer
südamerikanischen Brüder folgendes geschrieben: „Vom 10. De⸗
zember 1914 bis zum 16. Februar 1915 hatten wir Sommer⸗
ferien“ — nein, lieber Leser, das ist kein Druckfehler, denn
Brasilien ist auf der südlichen Halbkugel, und da sind die Jahres⸗
zeiten gegen die unsrigen vertauscht —, „und schon einige Tage
vor Schluß derselben sah man unsere Schüler, neugestärkt nach
ihrem zehnmonatigen Studium, in die Anstalt zurückkehren. Im
ganzen stellten sich neunzehn Schüler ein, nämlich fünfzehn alte
und vier neue. Von den neunzehn Schülern gehören vier zur

dritten Proseminarklasse, acht zur ersten Proseminarklasse, zwei

zur zweiten Lehrerseminarklasse und fünf zur ersten Prediger—
seminarklasse. Zwei alte Schüler, mit denen es im ganzen ein⸗
undzwanzig sind, halten Schule. Am 17. Februar wurde das
neue Schuljahr mit Gesang, Ansprache und Gebet eröffnet. Doch
mußte der Unterricht noch einige Tage ruhen, da nicht alle Schüler
bis zum festgesetzten Datum hatten eintreffen können. Einige
Tage später wurde begonnen. Aber auch da waren noch nicht alle
Schüler hinlänglich beschästigt. Es war nämlich die neue Klasse
hinzugekommen, und daher mangelte es an Lehrkräften. Doch

diesem Mangel wurde mit einem Schlage ein Ende gemacht, als

am 3. März unser neuberufener dritter Professor, Herr Präses
Kunstmann, eintraf. Nun konnte nach etlichen Tagen der volle

Unterricht aufgenommen werden. Alle Klassen sind jetzt reichlich

beschäftigt. Herr Präses Kunstmann steht fast ausschließlich der
ersten Seminarklasse vor und unterrichtet diese in den verschie⸗
denen Fächern der Theologie. Unsere Anstalt wie auch unsere
Mission kann dem lieben Gott für die Bescherung dieser dritten
Lehrkraft recht dankbar sein. Die öffentliche Einführung Prof.
Kunstmanns wird jedoch erst am 14. März stattfinden. Unser
Wunsch und unsere Bitte ist, daß Gott ihm in seinem Amte viel
Gnade und Segen bescheren möge, so daß auch durch sein Mit⸗
wirken Gottes Reich hier in unserm Lande weit ausgebreitet
werde.“ G.

Wenn man die Schriften der Sozialisten liest, erhält man
den Eindruck, als ob in der sozialistischen Partei und in sozia—
listischen Kreisen überhaupt die schönste Harmonie und holdeste
Eintracht walte, und den Sozialisten jeder Gedanke an Maßregeln
der Gewalt gegen die eigenen Glieder fernliege. Zuweilen kom—
men aber doch Sachen an die ffentlichkeit, die uns davor warnen,
uns die Einigkeit und Brüderlichkeit im sozialistischen Partei—
lager allzu rosig vorzustellen. Bekanntlich erheben die Soziali⸗
sten gegen die bestehenden Ordnungen unter den Menschen die
Beschuldigung, die „regierenden Klassen“ seien tyrannisch und
bedrückten die Leute durch schmählichen Mißbrauch ihrer Gewalt.
Nun wird kein Mensch leugnen, daß darin ein Stück Wahrheit
liegt. Die Frage ist nur: Können uns die Sozialisten zeigen,
wie man es besser macht? Allerdings behaupten die So⸗
zialisten, bei ihnen gäbe es keine „Bosse“, bei ihnen herrsche
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Gerechtigkeit und volle Har—
monie. Da kommt nun ein solcher Zwischenfall wie der Streit
zwischen den sozialistischen Wortführern Morris Hillquit und Gu⸗
stavus Myers, der uns beweist, daß die „Genossen“ sich noch nicht
ganz von den übeln befreit haben, die jenen anhängen, welche
sie in ihr gelobtes Land führen möchten. In der International
Socialist Revieu schrieb Myers nämlich vor kurzer Zeit, auf die
„Disziplin“ der Sozialistenpartei Bezug nehmend: „Haben wir
es nicht erlebt, wie solche erwähnte Disziplin] in den Vereinig—⸗
ten Staaten dazu benutzt wird, Mitglieder zu bestrafen oder
sozialistische Schriften zu boykottieren und auf die schwarze Liste
zu setzen? Der Maschine zu widersprechen, war gleichbedeutend
mit Hochverrat, und ihre Führer zu erzürnen, gleichbedeutend
mit Majestätsbeleidigung. Man möge es mir verzeihen, wenn
ich heute darauf hinweise, daß nahezu drei Jahre verflossen sind,
seit ich nach reiflicher überlegung mich entschloß, ein Beispiel zu
geben, dieser heiligen „Disziplin“ Trotz zu bieten und sie mit be—
rechtigter, öffentlich zur Schau getragener Verachtung zu strafen.
Herr Hillquit und seine Trabanten in der Stadt New York
dürften diese merkwürdige Angelegenheit sicherlich nicht vergessen
haben. Als Ahndung des großen Verbrechens, hochnäsige Spöt⸗
teleien des Herrn Hillquit wirksam zurückgewiesen zu haben,
wurde ein alter Vorwand — er war damals schon einige Jahre
alt — plötzlich gegen mich ausgespielt, und ich wurde unter
Strafandrohung vor die Schranken geladen. Dieser Winkelzug
erfolgte außerdem zu einer Zeit, in der ich in Canada weilte
und mit der Niederschrift meines Werkes Histor)y of Canadian
Wealt3; beschäftigt war. Ich brachte nicht nur meine ganze Ver—
achtung gegen ein solches Vorgehen zum Ausdruck, sondern stellte
dies auch an den Pranger, und die canadischen Sozialisten, die
volle Kenntnis der Sachlage hatten, boten mir die Mitgliedschaft
in ihren Reihen an. Dies“, fährt Myers fort, „ist eine persön⸗
liche Erfahrung, aber sie illustriert in schlagender Weise die von
Ihnen so zutreffend angezogene Frage bezüglich der Mißbräuche,
Entartung, Erstarrung, ja selbst Versteinerung, welche dieses
System der „Disziplin‘ hervorgerufen hat. Wer kann mit seiner
Verachtung einer ‚Disziplin“ zurückhalten, unter deren Deckmantel
Gaunereien, Ausflüchte, Kompromisse und verachtungswürdige
und feige Handlungen in schamloser Weise verübt wurden?“ So
schreibt ein hervorragender sozialistischer Schriftsteller in einem
sozialistischen Blatt. „Gaunereien“, „verachtungswürdige und
feige Handlungen“, „Mißbräuche“ und „Entartungen“, ja sogar
Maschinenpolitik und Tyrannei findet er in der Oberleitung der
Sozialistenpartei vor. Man fragt sich: Wie wollen diese Leute
in der ganzen menschlichen Gesellschaft Gleichheit, Gerechtigkeit,
Brüderlichkeit und Eintracht einführen, wenn sie untereinander
nicht Frieden halten können und gerade gegeneinander die Me—
thoden der Bedrückung üben, die sie an den bestehenden Regie⸗
rungen tadeln? überhaupt ist es nicht wahr, daß die soziali⸗

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