Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 13 › Seite 249

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 22. Juni 1915, Seite 249

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heit verhindert es, daß ein Schrei des Wehes, des Kummers und
der Pein in jeder Stadt und jedem Dorf zum Himmel aufsteigt,
dessen Widerhall selbst die Berge erbeben ließe!

Und das Aller⸗
schlimmste dabei ist, daß es keinen Balsam gibt, der das Leiden

schmutzigsten und widerwärtigsten Gestalt.
Zustände in meinem Arbeitsfeld nicht in demselben Umfang
4 herrschen, gebe auch ferner zu, daß es einige Ausnahmen gibt,

umgibt.

lindern könnte, das der schreckliche Fluch der Sünde über die
Millionen Menschen bringt, die fern von den Stätten leben, wo

die Botschaft von Christo vernommen wird. Die Hauptursachen,

1die diese Zustände herbeiführen, sind die Unmäßigkeit, die Un⸗

sittlichkeit und die Habsucht, und zwar die letztere in ihrer
Ich gebe zu, daß diese

aber diese Ausnahmen sind so selten, daß sie nur schwer gefunden

Pwerden können, und selbst sie können den Einwirkungen der sitt—

lichen Verderbtheit nicht völlig entgehen, die sie auf allen Seiten
Je aufrichtiger und ernster die Leute sind, desto mehr
fühlen sie die Wirkungen dieser unsittlichen Zustände.“ Was hier
von den Japanern gesagt wird, gilt von allen heidnischen Völkern.
Sie alle ohne Ausnahme beweisen die Wahrheit des Wortes:
„Die Sünde ist der Leute Verderben“, aber auch durch Gottes
Gnade, wenn ihnen das Evangelium vom Heiland aller Welt ge⸗
predigt wird, die Wahrheit jenes andern: „Die Menge am Meer

soll sich bekehren, und die Macht der Heiden zu Dir kommen.“

G.

Die größte Schmach, die man sich nur denken kann, wurde
vergangene Weihnachten deutschen Missionsgefangenen in Liver⸗
pool angetan. Wie D. Schneller schreibt, wurden auf einem
Dampfer vierzig deutsche Missionare aus Westafrika gewaltsam
aus ihrer Missionsarbeit herausgerissen und nach England ge⸗
bracht, um in den dortigen Konzentrationslagern eingesperrt zu
werden. „Um dem englischen Straßenpublikum ein Weihnachts⸗
vergnügen zu machen, wurden diese Missionsgefangenen am ersten
Weihnachtstage durch malerisch aufgeputzte Negersoldaten durch
die Straßen von Liverpool geführt.“ (Wbl.)

Das Elend der indischen Frauenwelt.

Wie das Christentum die Religion der Liebe ist, so ist das
Heidentum die Religion der Grausamkeit und Lieblosigkeit. Das
beweist das elende Dasein der indischen Frau.

In dieses dunkle Dasein, in das Elend der Frauenwelt In⸗
diens, wollen wir einen Blick werfen. Es ist das Elend so groß,
daß es überall in der gläubigen Christenheit bekannt werden
müßte, damit brünstiger die Bitte aufstiege: „Dein Reich
komme!“ und viel treuer noch das Rettungswerk der Mission
getrieben würde.

„Was ist grausam? Das Herz einer Schlange. Was ist
noch grausamer? Das Herz eines Weibes. Was ist das aller⸗
grausamste? Das Herz einer Frau, die weder Geld noch Söhne
hat. Was sind die Ketten des Mannes? Die Weiber. Wem
kann niemand trauen? Den Weibern. Was ist das tödliche
Gift? Die Weiber.“

Diese rohen, gemeinen Worte stammen aus den „heiligen
Büchern“ der Hindu, der Bewohner Indiens! Wo solche An⸗
schauungen in einem Volke herrschen, wo sie geradezu ein Stück
seiner Religion bilden, was kann da aus dem Leben des Weibes
anders werden als Sklaverei und Elend?

Jene Anschauungen aber sind in der Tat ein Stück der
Volksreligion. Sie wurzeln in der Lehre von der Seelenwande⸗
rung. Nach dem Glauben der Inder geht nach dem Tode eines
Menschen die Seele in einen andern Körper über; und es ist
oft eine lange Wanderung durch die verschiedensten Gestalten, die

sie machen muß, bis sie ganz rein und geläutert in Gott, ihrem
Urquell, wieder aufgeht. War der Verstorbene gut, und hat er
sich im Leben bemüht, seine Sünden zu büßen, so erscheint er in
der neuen Geburt als ein Mensch höherer Kaste, etwa als Brah⸗
mane; im andern Falle wird er ein Mensch niederer Kaste oder
ein Tier, zum Beispiel ein Elefant, ein Tiger, eine Schlange
oder auch — ein Weib. Also: als ein Mädchen geboren zu
werden, ist eine Strafe für begangene Sünden! Darum herrscht
keine Freude im Hause, wenn ein Mädchen geboren wird. In
einem indischen Volksliede heißt es: „Mag der Baum aufwachsen
im Walde, nur kein Mädchen werde geboren im Hause. Laß
Tiere kommen und Vögel, nur kein Mädchen werde geboren im
Hause. Laß die Felsen sich häufen auf Bergen, nur kein Mäd⸗
chen werde geboren im Hause.“

Und nun begleiten wir ein solches Mädchen durch sein
Leben! Wie öde, wie trostlos ist es doch! Allerdings hat es
auch oft eine fröhliche Kindheit; ein Mädchen wird nicht etwa
immer schlecht behandelt. Sie spielt mit ihren Puppen, sie wird
von ihrer Mutter geschmückt und geputzt mit seidenen Kleidern
und herrlichen Edelsteinen, wenn es die Mittel nur irgend er⸗
lauben. Schulsorgen kennt sie nicht, denn ein indisches Mädchen
braucht nichts zu lernen. Aber darum wollen wir sie wahrlich
nicht beneiden. Es macht sich doch auch darin wieder die Miß⸗
achtung des weiblichen Geschlechtes geltend. „Die Weiber haben
keinen Verstand“, sagen die heiligen Bücher, und die Männer
werden nicht müde, das immer von neuem zu versichern. Sie
sind großenteils der Meinung: „Unwissenheit ist die Zierde un⸗
serer Frauen.“

Nur ein wenig Kochen lernt das Mädchen, und dann erzählt

die Mutter ihr die alten Göttergeschichten; aber die sind großen⸗

teils so unsagbar gemein und schmutzig, daß sie die Kindesseele
nur vergiften und verderben.

Und nun werden diese armen jungen Geschöpfe in der Regel
mit fünf bis sechs Jahren verlobt. Es gilt in Indien als eine
Schande für ein Mädchen, wenn es im Alter von zwölf Jahren
noch unverheiratet ist. Das kommt aber auch kaum vor. Es
findet sich schon ein Bräutigam, ein Bürschchen von zehn bis elf
Jahren, die Eltern werden einig, ein glänzendes Verlobungsfest
wird gefeiert, das in vornehmen Häusern dem Vater der Braut
an 8000 Dollars kostet und auch dem Bräutigam schwere Opfer
auferlegt, weil er mit kostbarem Goldschmuck und Juwelen die
Braut auszustatten hat, und ein Priester segnet den Bund, der
nun unauflöslich ist. Das Verlobungsfest gilt als die eigentliche
Hochzeitsfeier. Die Verlobten leben dann noch getrennt, in ihrem
Elternhause, bis die Braut etwa das zwölfte Jahr erreicht und
zu dem Gatten übersiedelt. Oft werden die Mädchen in der
Wiege schon verlobt, oft vier⸗ oder fünfjährige Kinder einem
fünfzigjährigen Manne angetraut, und man findet nichts Auf⸗
fallendes darin.

Wir betreten ein indisches Haus. Da ist zunächst ein großer
viereckiger Hof, der von Gebäuden umgeben ist. Hier wohnen die
Männer. Das Reich der Frauen liegt dahinter; ein enger Gang
führt auf einen oft sehr kleinen, dunklen und schmutzigen Hof,
der wiederum von einem Viereck von Häusern umgeben ist. Im
untern Stockwerk derselben befinden sich Küche und Wirtschafts⸗
gebäude; oben liegen die Zenanas, die Frauengemächer. O wie
schmutzig ist es darin, oft genug auch in vornehmen Häusern;
wie unordentlich und düster! Nach der Straße zu sind gar
keine Fenster, nur nach dem Hofe; oder wenn es einmal nicht
anders geht, dann sind die nach der Straße blickenden Fenster
so hoch oben und so schmal angelegt, daß niemand hinaus⸗ und
hineinsehen kann.

Und welch ein ödes, inhaltleeres Leben führt nun hier die
indische Frau! Ist sie arm, dann hat sie wenigstens noch etwas

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