Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 72, Nummer 10 › Seite 189

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 9. Mai 1916, Seite 189

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Zeit

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+ —.— Ner,-TutheraneESe- ö‚ 189
V „Kommt morgen in der Frühe wieder“, sprach der Fähr⸗ Menschen überlassen, wie er mit seinem Gott zurechtkommt. Für
mann unwirsch. „Dann wird besseres Wetter sein.“ sein mühsam erspartes Geld kaufte er sich eine Bibel. Wenn er

„So lange kann ich nicht warten, denn ich habe größte Eile.“

„Wißt Ihr auch, daß die Nachtfahrt den dreifachen Satz
kostet?“

„Fordert, was Ihr wollt;
daß Ihr mein Anliegen erfüllt;
getrieben.“

Jan Robbart beugte sich weit hinaus und erkannte im fahlen
Mondlicht, das durch die Wolkenrisse schimmerte, eine hohe, in
einen weiten Mantel gehüllte Gestalt, deren Gesicht ein breiter,
tief herabgezogener Schlapphut beschattete.

„Hm“, meinte der Fährmann, der keine Neigung hatte, sich
in seiner Ruhe stören zu lassen, „man verfolgt Euch wohl, daß Ihr
zu so außergewöhnlicher Zeit meine Dienste begehrt? Habt Ihr
etwas Strafbares begangen, Menschenblut vergossen oder Feuer
angezündet? Mit Mördern oder Brandstiftern habe ich nichts zu
schaffen.“

Hier mischte sich Frau Grita ins Gespräch.

„Was geht es dich an, welche Ursache den Herrn zu seiner
Reise treibt? Gehörst du etwa zur Inquisition, daß du ihn so
ausfragst? Tu, was er heischt, wenn er dir's reichlich vergilt.“

Der Fremde war nahe ans Fenster getreten und rief hinein:
„Recht so, gute Frau! Kann man nicht auch um anderer Dinge
willen fliehen müssen in dieser sturmbewegten Zeit? Fährmann,
Ihr habt mir mit Eurem Verdachte schweres Unrecht getan. Seht
hier den Geusenpfennig, der Euch alles sagt. Ihr wißt, wie hart
man diejenigen verfolgt, die ihren Glauben und ihr Vaterland
liebhaben. Seit vierundzwanzig Stunden ist der Abt von
St. Michael zu Utrecht mit seiner Rotte hinter mir her, daß. er
mich fange und dem Blutgericht überliefere. Wollt Ihr ihm ge—
fällig sein und Euch vielleicht einen noch höheren Lohn verdienen,
als ich zahlen kann, so verhaftet mich und gebt mich in seine
Hände!“

„Nein, nein!“ schrie da der Fährmann, dessen träge Ruhe
plötzlich einer großen Behendigkeit wich. „Um dieses Namens
willen fahre ich Euch dreimal umsonst über den Fluß, und sollte
es noch viel ärger stürmen. Meine Frau wird Euch das Haus
öffnen, daß Ihr nicht im Freien zu stehen braucht, während ich
die Arbeitskleider anlege.“

Der Fremde war dafür dankbar und nahm auch mit Ver—
gnügen einen Napf Brotsuppe entgegen, den ihm Frau Grita
reichte. Nach etwa fünf Minuten war der Fährmann fertig. Er
schöpfte rasch das Regenwasser aus dem Kahne, nahm die große
Ruderstange und stieß vom Lande. Das Wetter hielt eine Weile
mit seinem Toben ein, so daß das Fahrzeug sanft über die
Flut glitt.

„Ihr habt wohl mit dem Abte einen Streit gehabt?“ begann
der Fremde, der sich auf der vordersten Bank niedergelassen hatte.
„Jedenfalls war Euch der Mann nicht unbekannt und ging Euch,
wie mir schien, hart an die Leber.“

„Ja“, meinte der Angeredete, „ich habe einen Haß wider ihn,
den Bluthund der Inquisition, obwohl ich sonst ein guter Katholik
bin und es nicht mit der Partei der Ketzer halte. Aber mich ekelt
es an, wenn jemand unter der Maske der Religion gemeinen Ab—
sichten Raum gibt. Von der Sorte ist der Abt. Laßt es Euch
erzählen, wie er es treibt! Hatte ich da in Utrecht einen lieben
Herzensfreund, einen Schuhmacher namens Hausden, der seine
Familie ehrlich und redlich mit seiner Hände Arbeit durchs Leben
brachte und keinem Menschen etwas zuleide tat. Seit Jahren
standen wir uns nahe, weshalb er mich bei seinem Töchterchen
Mariandel zu Gevatter bat. Der Mann wandte sich der neuen
Lehre zu, was unsere Freundschaft nicht vermindert hat; denn

ich zahle jeden Lohn. Nur eilt,
denn ich bin von großer Not

wisset, Herr, in Glaubenssachen muß man zurückhalten und jedem.

sie auch nicht selber lesen konnte, so verstand's doch sein ältester
Sohn, der gern ein Magister werden wollte. Andere Leute kamen
dazu und haben sich auch daran erbaut. Das hat der Pfaffe
herausbekommen, in dessen Sprengel der Schuster wohnte. Er
hat's an der Einbuße am Beichtgroschen und Festopfer gemerkt,
darum hat er's dem Abt von St. Michael gemeldet, der wieder
die Inquisition in Bewegung setzte. Bei Nacht und Nebel hat man
den alten und den jungen Hausden aus den Betten geholt und ins
gemeine Gefängnis geworfen. Die Frau aber und die drei kleine-⸗
ren Kinder hat man mit wenigen Habseligkeiten auf einen Wagen
gesetzt und des Landes verwiesen. Ich war gerade in Utrecht, abs
das vorging. Um mich nach der Ursache zu erkundigen, gehe ich
an den Wagen heran. Da erkennt mich das Mariandel, streckt
flehend die Patschhändchen nach mir aus und ruft: „Hilf uns,
Ohm Jan!“ Wie das der rohe Fuhrknecht sieht, nimmt er die
Peitsche und schlägt nach dem Kinde, daß es gleich einen roten
Blutstreif über sein Gesichtchen bekommt. Herr, ich sage Euch,
erwürgen hätte ich den Unmenschen mögen! Aber was ist er
anders als ein Henkersknecht, der tut, was seine Oberen ihm be—
fohlen haben. So habe ich ihn denn kräftig zurechtgewiesen.
Und was hat er mir geantwortet? ‚„Das Ketzerpack verdient es
nicht besser.“ Als ob solch ein Kindlein für der Eltern Glaubens⸗
sachen verantwortlich wäre!“

Der Fremde stützte das Haupt in die Hände und seufzte.
Dann sagte er: „Leider sieht man solches Elend jetzt in den großen
Städten Tag für T Tag. Doch hoffe ich, daß einmal die Stunde der
Erlösung schlagen wird, da Holland befreit aufatmet von Fries
land an bis Limburg. Wer weiß, wie nahe die Hilfe schon ist!
Hat der HErr nicht gesagt: Ich habe dich einen kleinen Augenblick
verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln.
Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zornes ein wenig vor
dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich dein erbarmen“?
(Jes. 54, 7. 8.) Das ist mein Trost, lieber Freund, und auf dies
Wort bauen mit mir alle Glieder des Geusenbundes.“

Der Fährmann sann nach. „Ein herrlicher Spruch“,
meinte er. „Aber woher wißt Ihr, daß Gott so gesagt hat?“

„Es steht in der Bibel.“

„Das muß ein köstliches Buch sein. Sonst würden ja auch
nicht so viele brave Leute Gut, Blut und Leben darum lassen.
Gern möchte ich auch einmal darin lesen, wenn es nicht so streng
verboten wäre.“

„Nur die Pfaffen verbieten das Bibellesen, nicht die Kirche
oder der liebe Gott“, entgegnete der Fremde. „Unser HErr JEsus
Christus hat ausdrücklich befohlen: „‚Suchet in der Schrift! Sie
ist es, die von mir zeuget.“ Die ersten Christen haben fleißig in
der Bibel gelesen. Dann sind die Pfaffen gekommen und haben
das Bibellesen verboten, damit man ihre Irrlehren nicht aufdecke.“

„Wenn das so ist, dann sieht die Sache anders aus“, sagte
nachdenklich der Fährmann. „Ich wollte mir schon eine kaufen,
wenn sie nur nicht so schwer zu haben wäre!“

„Da kann geholfen werden“, mieinte der Fremde. „So Gott
mir die Reise gelingen läßt, und ich nach dem Vollbringen meines
Werkes wieder bei Euch vorsprechen darf, so will ich Euch eine
Bibel als Fährlohn bringen. Ist es Euch recht, so schlagt ein.“

über das Angesicht des rauhen Schiffers ging ein freudiges
Leuchten. „Herr, das ist zu viel; das ist ein fürstlicher Lohn.
Doch wohlan, es sei um das kostbare Buch. Vielleicht kann ich
Ench noch weitere Dienste tun und dadurch einen Teil der Schuld
abtragen, die ich gegen Euch habe. Wenn Ihr zu mir Vertrauen
habt, so offenbart mir, wohin Ihr wollt, damit ich Euch Rat und
Weg weise; denn ich kenne die Umgegend wahrscheinlich besser
als Ihr.“ ö

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