Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 72, Nummer 10 › Seite 190
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 9. Mai 1916, Seite 190
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S er „Tuthieraneh
—
„Dies Wort hat Euch der HErr eingegeben“, rief der Fremde
aus. „So-wißt, daß ich ein vertrauter Bote des Prinzen Wil⸗
helm von Oranien bin, der eine große Heeresmacht zu Lande und
zu Wasser sammelt, um das Vaterland zu erlösen. In seinem
Auftrage habe ich die Provinzen Holland, Utrecht und Gelderland
bereist, die Getreuen besucht und ermahnt und mich von den Fort⸗
schritten der Verschwörung wider die Spanier überzeugt. Auch
habe ich mit den Führern des Geusenbundes, den Herren von
Vianen und Montfort, verhandelt und von ihnen wichtige Pläne
und Verzeichnisse erhalten, die ich dem Prinzen überbringen soll.
Zunächst will ich inich nach Oostenhout wenden, wo ich einige Be⸗
kannte habe, die ich bitten will, mich in die Nähe von Bergen op
Zoom zu geleiten, wo mich ein Schiff erwartet. Sicher hätte ich
meine Reise ohne Hindernis vollendet, wenn ich nicht zufällig in
einer Schenke mit dem schlitzäugigen Pfaffen zusammengetroffen
wäre, der mich trotz meiner Verkleidung erkannte. Seit ein paar
Jahren hat er eine besondere Tücke auf mich, weil ich zwei Kloster⸗
brüdern, die ihm untertan waren, zur Flucht verhalf. Der
Herbergswirt belauschte ein Gespräch des Abtes mit seinen Be⸗
gleitern, wie sie mich fangen wollten. Er verriet mir den An-⸗
schlag und ließ mich durch ein Hinterfenster entspringen. Jeden⸗
falls wird der Pfaffe mir nachsetzen, da er Wind von meinem
Treiben bekommen hat.“
„Herr, seid unbesorgt“, antwortete der Fährmann, indem er
das Boot nach dem Lande hinlenkte. „Ich werde die geistliche
Spürnase schon auf eine falsche Fährte bringen. Ehe der Irr—
tum entdeckt ist, schwimmt Ihr längst auf dem Wasser.“
Die beiden Männer verabschiedeten sich durch kurzen Hände-⸗
druck, und der Fremde verschwand im Dunkel der Nacht.
Als der Fährmann zurückkehrte, erblickte er einen Trupp von
sieben Leuten, die in großer Ungeduld mit Frau Grita ver⸗
handelten. Als der Kahn ans Land stieß, drängten sie sich hastig
herzu.
„Was zögerst du so lange?“ rief zornig ein dicker Mann in
schwarzer Kutte, in welchem Jan Robbart den Abt von St. Michael
erkannte. „Seit einer halben Stunde harren wir hier!“
Der Gescholtene küßte mit gutgeheucheltem Bedauern den
Kuttenärmel des Abtes und sprach: „Ich bitte untertänigst um
Entschuldigung. Wie konnte ich ahnen, daß um diese Zeit so hohe
Fahrgäste meines Dienstes begehren würden? Zudem geht der
Sturm hoch, und der Wind ist zuwider. Auch sind die Merkzeichen
im Wasser schlecht zu erkennen; doch will ich mein möglichstes tun,
um mein Versäumnis gutzumachen. Vielleicht kann einer der
Herren im Rudern Hilfe leisten? Dann dürfte der übergang
schneller vonstatten gehen.“
Die Leute sahen einander an und zuckten die Achseln.
„Wir Spanier“, meinte der eine, den die Abzeichen eines
Offiziers schmückten, „sind keine Wasserratten wie die Holländer
und wissen daher mit dem Schiffsgerät nicht Bescheid. Der Fähr⸗
mann wird daher seine Arbeit allein machen müssen.“
Der Abt drängte nun zum Einsteigen.
„Halt, so geht es nicht!“ rief abwehrend der Schiffer. „Erst
drei, dann vier oder umgekehrt. Wir müssen zweimal fahren, da
das übergroße Gewicht den Kahn zu tief in das Wasser drücken
würde. Die Sandbank in der Mitte ist von Wasser bedeckt, und
die Strömung treibt heftig darauf zu.“
„Unsinn!“ eiferte der Abt und stampfte zornig mit den
Füßen. „Haben wir nicht schon zu zehn den Fluß überschritten?
Warum sollen plötzlich sieben zu viel sein? Vorwärts, wir haben
Eile! Oder soll ich dir Beine machen?“
Der Fährmann unterdrückte einen zornigen Ausruf. Da er
keine weitere Verzögerung herbeiführen konnte, machte er sich ans
Werk. Fünf Personen setzten sich auf die Bänke, während der Abt
mit dem Offizier ans Vorderteil trat. Nach einer Weile wandte
er sich um und rief: „Jan Robbart, hast du im Laufe des Nach⸗
mittags einen großen Mann in einem grauen Reitermantel und
einem Schlapphut übergesetzt?“ ö
„Gewiß, Herr“, entgegnete der Angeredete mit völliger
Harmlosigkeit. „Kurz, ehe Ihr kamt, stieg er ans andere Ufer.“
„Wohin hat er sich gewendet?“
„Ich meine, daß er nicht sehr weit gekommen sein wird,
denn er war sehr ermüdet.“
„Ich frage nicht, was du meinst, sondern was du ge⸗ 4
sehen hast.“
„Ach so! Er schlug die Richtung nach den Moordörfern ein.
Vermutlich hat er doch Herberge gefunden.“ ö
Während dieses Gesprächs hatte das Fahrzeug die gefährliche
Stelle erreicht, um welche die Flut am lautesten rauschte. Der
Fährmann stellte sich, als könne er das Fahrzeug nicht mehr
meistern, tat einige ungeschickte Stöße und rief: „Vorsicht, ihr
Herren, die Sandbank!“
In diesem Augenblicke gab's einen kräftigen Ruck, daß die
beiden Personen vorn umschlugen. Der Abt wäre beinahe in den
Fluß gestürzt, wenn ihn der Offizier nicht zurückgerissen hätte;
doch hatte er seine Priesterkappe verloren, die lustig über die
schaumigen Wellen hüpfte.
Es entstand eine große Verwirrung, da man anfangs meinte,
der Boden sei geborsten. Die Leute überhäuften den Fährmann
mit Scheltworten und drohten ihm niit Aufhängen. Aber er er⸗
widerte gelassen: „Sagte ich's nicht zuvor, daß der Kahn zu tief
gehe und die Fahrt wegen der Sandbank gefährlich sei? Tut ihr
mir etwas zuleide, so springe ich ins Wasser und überlasse euch
eurem Schicksal. Herr Abt, Ihr wißt recht gut, daß ich nicht ver⸗
pflichtet bin, solche Fahrten zu wagen.“
Der Offizier besann sich zuerst eines Bessern und gebot Ruhe.
Ihm schloß sich der Abt an, der pudelnaß geworden war und sich
nach trockenen Kleidern sehnte. So redete man dem Fährmann 1
gut zu. Da dieser seinen Zweck erreicht hatte, dem Flüchtling 3
einen genügenden Vorsprung zu verschaffen, säumte er nicht länger
und ruderte nach dem Lande. Dort lohnte man ihn ab. Sein
Abschiedsgruß lautete anders als „Glück zur Reise!“ Es war
gut, daß der Sturm heulte, so daß man die Worte nicht verstehen
konnte.
Noch in keiner Nacht hatte Jan Robbart so guten Schlaf ge⸗ 3
funden wie nach diesen beiden Fahrten. Er war gewiß, daß er in
der Rettung des Flüchtlings ein Werk getan hatte, das Gott dem
SErrn wohlgefiel. ö
Ein halbes Jahr ging ins Land. Da klopfte an einem
frischen Märzmorgen ein Fahrgast an das Fenster des Fähr⸗
mannshauses bei Löwenstein.
„Holla, aufgemacht, Jan Robbart!“ rief eine tiefe Mannes⸗
stimme. „Bringt mich schnell über den Strom, denn meine Sache
heischt Eile!“
„Geduldet Euch eine Viertelstunde, Herr!“ erklang von innen
Frau Gritas Stimme. „Mein Mann schläft noch nach schwerem
Nachtdienst. Der Fahrknecht wird Euch fahren!“
Der Fremde lächelte.
„So will ich Euch einstweilen die Bibel übergeben, die ich 3
letzten Herbst Eurem Gatten als Fährlohn zugesagt hatte, als er 4
mich vor den Verfolgern rettete. Ich habe darin die wichtigsten 3
Stellen angezeichnet, die ihr miteinander nachlesen mögt.“
Hei, wie fuhr bei diesen Worten der wackere Mann aus den 3
Federn! Er hatte an der Stimme den Geusenboten erkannt. 4
Eilig warf er den Pelzrock über, riegelte die Tür auf und rief:
„Tretet ein, Gesegneter des HErrn! Seid Ihr's wirklich, wie “
Ihr leibt und lebt? O, wie haben wir um Euer Wohl gebangt! 4
Um so größer ist meine Freude, daß Ihr den Schurken entronnen 4
seid, die ich am liebsten auf dem Grunde der Waal ersäuft hätte.“ ö
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