Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 72, Nummer 10 › Seite 191

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 9. Mai 1916, Seite 191

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bhabt, und mich daran erquickt.

* Eine frohe Botschaft darf ich Euch bermelden.

und sein Sohn befinden sich erträglich.

Bid.

sollten nicht vergeblich gebracht sein.

wide rst rebend.
Ihr mich das lautere Gotteswort kennen gelehrt habt. Laßt mich

191

8 Der V„TutheranedE

„Halt, nicht so hitzig, mein Freund“, sagte milde der An-—
geredete. „Wenn auch jene unsere Feinde sind, so stehen sie wie

wir in Gottes Hand. Lest in der Bibel, wie der Heiland über sie

denkt: Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen,

1 die euch hassen, bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen!“

Bei diesen Worten zog er aus seinem Wams ein dickes, in
gelbes Schweinsleder gebundenes Buch. Mit vielen Dankes⸗
worten nahm der Fährmann die kostbare Gabe entgegen, die Frau
Grita sorgfältig in ein Tuch schlug und in der Lade am Ofen
verbarg. Während der erstere sich ankleidete, erzählte der Fremde
von dem guten Fortgang der Sache des Geusenbundes. Er war
an mehreren deutschen Fürstenhöfen jenseits des Rheins gewesen
und hatte sich ihres Beistandes versichert. Dann hatte er das

1 ganze Land vom Zuidersee bis zur Waal bereist, um sich von der

Bereitschaft der Waffenbrüder zu überzeugen.
Nordbrabant mit den Inseln übrig. Diesen Gebieten galt die
nächste Arbeit. Er schloß mit den Worten: „Unsere Sache ist des
HErrn, darum bin ich gewiß, daß er unsere Waffen segnen wird.
Er hat unsere Gebete erhört. Nicht mehr lange wird's währen,
dann ist Holland ein freies Reich nach innen und nach außen.“

Der Fährmann entgegnete: „Gar oft habe ich an den
schönen Spruch gedacht, den Ihr mir damals im Kahne gesagt
Er handelte von dem Gott, der
einen Augenblick sein Antlitz verbirgt, um hernach den Seinigen
desto größere Gnade und Barmherzigkeit zu erzeigen. O wie
gern will ich in dem teuren Buche lesen! — Aber nun kommt!
Ich bin bereit!“

Als der Kahn das Wasser durchschnitt, sagte der Fremde:
Ich habe Euer
Patenkind, die kleine Marianne Hausden, gesehen. Sie hat mit
ihrer Mutter und den andern Geschwistern eine Zuflucht auf der
Burg des mächtigen Grafen von Brederoda gefunden, der vielen
Flüchtlingen Schutz und Herberge gewährt. Auch Euer Freund
Sie sehen voll Hoffnung
der Stunde entgegen, in welcher der große Freiheitskampf auch
ihre Fesseln brechen wird.“

Diese Kunde gab dem Schiffer doppelte Kraft.

So war nur noch

Mit starken

Stößen bohrte er das Ruder in den Grund, daß das Wasser vorn

am Bug hoch aufrauschte. Ringsum hoben und senkten sich die
Nebel, über denen der glühende Sonnenball leuchtete. Bald wogte
der ganze Waalfluß von purpurnen Fluten, als strömten sie ihm
lichtes Gold. Der Geusenbote schaute bewegt auf das entzückende
Ströme von Blut mußten noch fließen, ehe der Sieg und
die Unabhängigkeit errungen waren; aber die großen Opfer
Wie die Sonne die Nebel
niederzwang, so sollte das Licht des Evangeliums allen Aber⸗
glauben und Irrtum überwinden. Begeistert rief sein Mund aus:
„Wenn der HErr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden
wir sein wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll
Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein: Der HErr hat

Großes an uns getan; des sind wir fröhlich!“ (Ps. 126.)

Ehrerbietig hatte Jan Robbart diesem Prophetenworte des
Psalmisten gelauscht. Als der Kahn ans Land stieß, ergriff er des
Fährgastes Hand und sprach: „Als Ihr das erste Mal an mein
Haus klopftet, batet Ihr mich um eine Wohltat. Ich tat sie
Nun seid Ihr mein Wohltäter geworden, indem

daher Euren Namen wissen, damit ich ihn allezeit dankbar in
meinem Herzen bewahre.“

„Ich heiße Philipp Baron von Marnix und bin der Waffen-⸗
bruder des edlen Prinzen von Oranien. Damit Ihr den Namen

nicht vergeßt, so habe ich ihn in die Bibel geschrieben, die ich Euch

brachte. Nun lebt wohl und denkt an mich, wenn Ihr Kanonen⸗

»Unterschlupf suchen, so gut er ihn eben fand.

donner und Waffenklirren hört. Das ist das Lied der Freiheit
des Vaterlandes!“

Mit diesen Worten schied er. Lange schaute ihm Jan Rob—
bart mit gefalteten Händen nach.

Die nächste Woche brachte ein fröhliches Osterfest. Am
1. April nahmen die Geusen den Spaniern durch einen kühnen
Handstreich die Festung Briel an der Nordsee und gaben dadurch
das Zeichen zum Aufstande im ganzen Lande. Im Fluge er—
oberten sie ein Gebiet nach dem andern, so daß die Feinde zuletzt
nur noch Middelburg und Amsterdam behielten. Zugleich wurde
Prinz Wilhelm von Oranien zum Regenten ausgerufen. Mit
Schmach und Schande mußten die Spanier abziehen, nachdem sie
mehr als zwanzig Jahre lang durch unerhörte Greuel die evan—
gelische Lehre auszurotten getrachtet hatten. Allerdings mußten
die tapferen Niederländer noch manchmal das Schwert zur Ver-
teidigung der Freiheit ziehen; aber immer blieben sie siegreich.
Im Jahre 1579 schlossen die niederländischen Provinzen die
Union zu Utrecht, die ihrem Staatswesen eine feste Grund⸗

lage gab.

Das Fährmannshaus bei Löwenstein hielt noch manches
Jahrzehnt wider Sturm und Wetter stand. Sein bester Schatz
blieb die Bibel des Geusenboten, dessen Andenken allezeit in Ehren
gehalten wurde, als eines Gottgesandten, dem die Familie das
köstliche Kleinod evangelischen Glaubens verdankte.

(Der Sonntagsgast.)

—— ——

Es gibt keinen Zufall.

An einem regnerischen Abend des Jahres 1809 irrte ein
Knabe auf dem einsamen Kirchhofe eines Dorfes zwischen Templin
und Prenzlau umher. Er war aus Berlin weggelaufen, weil er
den Lohn für seine jüngst verübten Streiche fürchtete, den ihm sein
Vater, wie er aus Erfahrung wußte, in ungebrannter Asche aus⸗
gezahlt hätte. Er wollte sich in Stettin auf ein Schiff verdingen;
als Kajütenjungen, meinte er, werde man ihn schon nehmen.
Keinen Pfennig hatte er in der Tasche, noch viel weniger einen
Reisepaß, darum wollte niemand dem Landstreicher Nachtquar⸗
tier geben. ·

Wie schon öfter, so mußte er sich auch an diesem Abend einen
In der Dunkelheit
bemerkte er an der Kirche ein offenes Kellerfenster; das sollte ihm
gegen den strömenden Regen Schutz geben. Wie er sich aber am
Rande der Offnung niederducken will, verliert er den Boden unter
den Füßen und stürzt in die Tiefe hinab. Doch hat er sich keinen
Schaden getan; er kriecht in einen Winkel und schläft ein. Als
er am Morgen erwacht, fällt sein erster Blick auf zwei schwere
Särge, die mitten in dem öden Raume stehen; er hat in einem
Grabgewölbe geschlafen. Voll Grauen sucht er einen Ausweg.
Aber die Eichentür liegt fest im Schloß, das Fenster, durch das er
hereingefallen, ist acht Fuß in der senkrechten Mauer — er ist ge—
fangen. ö

In seiner Angst und Not schreit er den ganzen Tag um Hilfe,
aber umsonst; auch die zweite Nacht bringt er im Grabgewölbe zu.
Am folgenden Morgen kann er nicht mehr rufen; matt von Hunger
und Durst kauert er am Boden. Da hört er plötzlich Tritte im
Kirchkeller; ein Schlüssel dreht sich im Schloß, und ein Mädchen
will eintreten. Freudig rafft er sich auf. Aber das Mädchen
springt mit lautem Schrei zurück, die Tür schlägt zu — wieder
ist er allein im Grabgewölbe. Doch endlich kommt das Mädchen
zurück mit ihrem Vater, dem alten Schullehrer. Der führt den
Burschen zum Dorfschulzen und läßt ihn da seine Geschichte er—
zählen, und wie er ins Grab gekommen sei. „Höre, Junge“,
sagte er dann, „du magst jetzt ein Taugenichts sein, aber Gott

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