Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 72, Nummer 10 › Seite 182

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 9. Mai 1916, Seite 182

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hätten, unter ungeheuren Unkosten und ohne Unterstützung
seitens des Staates ein System von Parochialschulen aufzu⸗
bauen. Die Verachtung aber, mit der man über die Geldopfer
anderer, auch der Lutheraner, aburteilt, verrät völlige Unwissen⸗
heit über die Lehre dessen, der am Gotteskasten stand und die⸗
jenigen beobachtete, die Geld einlegten, und sein Urteil dahin
abgab, daß die arme Witwe mehr hineingelegt habe denn sie alle.
Möglicherweise opfert manche arme kleine lutherische Gemeinde
für Schulzwecke nach Christi Urteil mehr als Rom insgesamt.

Nein, wir sind mit unserm Gemeindeschulwesen keine Nach⸗
äffer Roms, wie man uns in jenem Pilot-Artikel hinstellen will.
Weder in ihrer Art noch in ihrem Zweck sollten unsere Schulen
zusammen mit denjenigen der Papisten genannt werden. Achten
wir auf die Ziele der Römischen! Was wollen sie mit ihrem
Eifer um Erziehung? Sie arbeiten mit aller Macht und in
jeder nur möglichen Weise darauf hin, in unserm Lande die
Schulvorherrschaft zu erlangen; sie geben sich nicht zu⸗
frieden mit der Errichtung eigener Schulen, sondern wollen in
der Staatsschule römische Lehrkräfte und in den Schulbehörden
des Staates vorherrschend Römlinge haben. Und sie haben
hierin bereits teilweisen Erfolg. Wie viele protestantische Kinder
sitzen in Staatsschulen unter dem Einfluß katholischer Lehre—
rinnen! Wie viele protestantische Kinder sind in Schulen, in
deren Behörden Römlinge das Heft in Händen haben!

Laut 2 Thess. 2, 10. 11 sendet der SErr kräftige Irr—
tümer, weil man die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen hat.
Luther erlebte selbst schon das Traurige, daß man vielfach die
Wahrheit nicht annahm. Bald nach seinem Tode begann Gottes
Gericht: die Jesuiten brachten, sonderlich auch durch ihre Schu—
len, die sogenannte Gegenreformation in Gang, infolgedessen
viele, viele ins Papsttum zurücksanken. Das bevorstehende
Jubeljahr wird gewiß Rom und seine Schuppen anspornen zu
erneutenn Bestreben fortgesetzter Gegenreformation, sonderlich
durch sein Schulwesen. Wohl im voraus wird das Jahr 1917
Roms Verlangen nach überwiegendem Einfluß auf das Er—
ziehungswesen unsers Landes steigern. Das sollte uns Luthe⸗
ranern aber eine Anspornung sein, im Eifer um das edle
Kleinod unserer Kirche — die christliche Gemeindeschule — nicht
nachzulassen. Wozu das knechtende Gesetz die armen betro—
genen Papstdiener treibt, dazu, in ungleich herrlicherer Weise,
treibt die Kinder der Reformation das befreiende Evangelium.

——— —

Sechste Allgemeine Konferenz zu Krishnagiri, Indien.

Vom 27. Januar bis zum 2. Februar waren die Mis—
sionare unserer Synode zu ihrer sechsten Allgemeinen Kon—
ferenz versammelt. Krishnagiri, der Versammlungsort, liegt
im Schatten des Krishnaberges, eines mächtigen, schroff an—
steigenden Felskegels, der, von Sagen und Legenden umwoben,
dem Muselmann wie dem Hindn heilig ist. Hier steht Mis—
sionar Naumann einer Missionsstation vor; hier werden durch
die Predigt des göttlichen Wortes Heiden zu dem wahren heili⸗
gen Berg gebracht, zu dem Zion unsers Gottes.

An der Konferenz beteiligten sich alle Missionare, die gegen⸗
wärtig auf indischem Boden weilen, mit Ausnahme zweier, die
als deutsche Untertanen interniert sind und demnächst in das
Land ihrer Geburt zurückgebracht werden sollen (A. Hübener

U
und J. Williems). Aus Travancore, dem Südgebiet, waren
erschienen G. Hübener, A. Lutz, R. Görß, F. Zucker, J. Harms
und O. Ehlers; das Nordgebiet war vertreten durch G. Nau⸗
mann, G. Küchle, E. Ludwig und H. Hamann. Groß war
die Freude und Genngtuung darüber, daß alle, die überhaupt
zugegen sein konnten, an der Konferenz teilnahmen; stärker
noch war das Bedauern über die geringe Zahl der Teilneh⸗
menden. Vor Ausbruch des Weltkriegs zählte unsere Mission
15 Arbeiter; jetzt sind es ihrer nur 10, obwohl im Laufe des
letzten Jahres zwei neue Kräfte in den Missionsdienst ein⸗
getreten sind. Das Nordgebiet leidet am meisten unter dieser
Arbeiternot. Dort, wo bei voller Besetzung aller Stationen
wenigstens sechs Missionare tätig sein sollten, sind zurzeit nur
vier an der Arbeit, von denen noch obendrein zwei, erst kürzlich
in Indien eingetroffen, wegen mangelhafter Beherrschung der
tamulischen Sprache noch wenig leistungsfähig sind. Wahr⸗
lich, der Arbeiter sind wenig!

Missionar Naumann legte der Konferenz ein Referat vor,
das die Versammlung in mehreren Sitzungen beschäftigte. Es
war eine Ausführung der Schwanschen „Thesen wider unevan⸗
gelische Praxis“. Wie der Referent bei der Ausarbeitung, so
hatte die Konferenz bei der Besprechung der Thesen vor allem
praktische Ziele im Auge. Es galt, unsere lutherische Lehre
von der rechten Teilung und dem rechten Gebrauch des Gesetzes
und des Evangeliums auf die indischen Lebensverhältnisse und
-bedingungen, besonders auf das beginnende Gemeindeleben
unter unsern indischen Christen, praktisch anzuwenden. Ob
wohl irgendwo anders in der Welt Missionare so sehr der
Versuchung ausgesetzt sind, ihre Hoffnung auf bessere Zustände
unter den ihrer Seelsorge Anbefohlenen an gesetzliche Maß⸗
nahmen zu knüpfen? Die Leute, mit denen sie es unter dem
Volk tamulischer Zunge zu tun haben, sind fast durchweg An⸗
gehörige der niederen Kasten oder Kastenlose, in deren Brust
nicht nur alle Selbstachtung infolge langen Götzen⸗ und Sünden⸗
dienstes erstorben zu sein scheint, sondern in denen Armut und
Unterdrückung eine unterwürfige Gesinnung, einen wahren
Sklavengeist, erzeugt haben. Niedrig, armselig wie ihre Hüt—
ten und ihre ganze Umgebung, ist zumeist auch ihr Gedanken⸗
und Gefühlsleben. Der weiße Mann ist ihnen ein höheres
Wesen, der „guru“, der Religionslehrer, eine unanfechtbare
Autorität. Der Missionar merkt gar bald, daß er mit einem
kräftigen Befehlswort scheinbar weiter kommt als mit sanfter
überredung; er ist versucht, die evangelische Ermahnung hinter
Strafandrohungen zurücktreten zu kassen. Wahres geistliches
Leben aber, so wurde gezeigt, kann auch in diesen Armsten
und Niedrigsten nur das Evangelium von Christo, dem Sünder—
heiland, erwecken und nähren; wahre Früchte des Geistes, des
neuen geistlichen Lebens, bewirkt nur der Glaube an das Evan—
gelium. So gibt sich unsere lutherische Kirche auch hier damit
zufrieden, Gesetz und Evangelium so zu predigen, daß das
Wort der Wahrheit recht geteilt wird; insonderheit weiß sie,
daß sie mit Geduld auf die Früchte des Evangeliums warten
und die Scheinerfolge verschmähen kann, die sich oft durch das
Aufstellen und Durchsetzen strenger Regeln erzielen lassen. Und
die Verheißungen, die Gott an die Predigt seines Worts ge⸗
knüpft hat, werden durch den Erfolg immer wieder als wahr
und fest erwiesen.

Eine der wichtigsten Sachen, die der Konferenz vorlagen,
war die Frage der Heranbildung eingeborner Missionsgehilfen:

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