Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 72, Nummer 12 › Seite 219

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 6. Juni 1916, Seite 219

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ö * Gemeindeschulen gar kümmerlicher Art.

S Der Vutheraned

219

Hristlich e Schulen. Weil nun aber vielfach auf das „deutsch“
Eund nicht auf das „christlich“ besonderer Nachdruck gelegt wor—
den ist, so meint man jetzt, da in den meisten Familien mehr

nglisch als Deutsch oder gar ausschließlich Englisch gesprochen
wird, die „deutsche“ Schule nicht mehr nötig zu haben.
immer wieder betont werden sollte und hervorgehoben werden

Was

nuß, ist, daß wir christliche Schulen nötig haben, um

innsern Kindern eine christliche Erziehung zu geben.

Ob der Religionsunterricht in deutscher oder englischer Sprache
gegeben wird, oder ob überhaupt deutscher Unterricht erteilt

1 wird, ist, soweit die christliche Kindererziehung in Betracht

kommt, Nebensache. Eben deshalb halten wir dafür, daß unsere
englischen Gemeinden die Gemeindeschule geradeso nötig haben
E wie die deutschen Gemeinden.

Im engen Zusammenhang damit steht, daß man früher
in manchen Fällen den englischen Unterricht vernachlässigt hat.
Man handelte nach dem Grundsatz: „Take care of the Ger-
man, the English will take care of itself.“ Das war aber
nun nicht wahr. Vielmehr hätte man nach dem Grundsatz han⸗
deln sollen: „Man tue das eine und lasse nicht das andere.“
In früheren Jahren war der englische Unterricht in manchen
Nun steht es ja nicht
mehr so. Jetzt wird schon in vielen Schulen der englischen
Sprache sogar der Vorzug gegeben. Aber viele derjenigen sind
4noch nicht sehr alt geworden, die einst in der Gemeindeschule
Sein gar kümmerliches Englisch gelernt haben, und die nun den
Zehler machen, daß sie danach die Gemeindeschule überhaupt

beurteilen.

4. Ferner ist es Tatsache, daß Gemeinden wohl mit großem

Fleiß darauf gehalten haben, daß in ihrer Mitte eine Schule
bestehe, sich dabei aber sonst um ihr Schulwesen oft wenig be⸗
—kümmert haben. Während der Staat schöne Schulen baute mit

14 allerlei modernen Einrichtungen, begnügte sich manche Ge—
neinde zu lange mit alten, unzweckmäßigen Schulgebäuden

Hoder nicht zusprechenden Schullokalen, ließ es an der inneren
Einrichtung fehlen, achtete wenig auf Sanitätsgesetze usw.;
kurz, mancher, der unter solchen Verhältnissen die Gemeinde⸗
schule besuchte, hat dann später den Entschluß gefaßt, seine

Kinder nicht in eine solche Schule zu schicken, und — schickte sie.

sodann in die Staatsschule. Dazu kam auch noch, daß die
Gemeinde manches bei einem Lehrer gewähren ließ, was der
Schule nicht besonders zweckdienlich sein konnte, zum Beispiel,
E wenn derselbe die Unsitte hatte, mit seiner stintenden Tabaks⸗
pfeife die sowieso nicht allzu reine Schulluft noch mehr in der

1 4 Freizeit (oder gar während des Unterrichts) zu vergiften, oder,
was viel schwerwiegender ist, wenn derselbe in seinem Wandel
+nicht die nötige Vorsicht gebrauchte, die sein Amt an ihn stellte.
Dazu gehört auch, daß mancher Lehrer einen unbarmherzigen

Gebrauch des Stockes in der Schule übte. Alles das hatte später
eine nicht heilsame Rückwirkung auf das Gemeindeschulwesen.

4. Endlich wird zu dieser unserer Zeit viel⸗
fach die Notwendigkeit derchristlichen Gemeinde—
Eschule nicht erkannt. Von dieser Seite her droht unserer
. Gemeindeschule die größte Gefahr. Weltsinn, Gleichgültigkeit
gegen Gottes Wort, die geistliche Trägheit, der elende Geiz, die

1 hanze Tendenz unserer Zeit mit ihrem hurtigen Treiben: alle

1 diese Dinge spielen hier eine Rolle. Die Kinder sollen wohl
nicht ohne Religionsunterricht aufwachsen, aber dazu, meinen

— manche, genüge ja die Sonntagsschule und der Konfirmanden⸗

unterricht. Die Gemeindeschule will man als alten Zopf ab⸗
schneiden. Die Lehrer entmutigt man dadurch, daß, obwohl
man jetzt, was ja recht ist, viel höhere Anforderungen an sie
stellt als früher, ihnen vielfach einen geringen Gehalt bezahlt,
so daß sie gar noch auf andere Weise sich etwas erwerben
müssen, um ihre Familie zu ernähren. Ja, öfters erwartet
man das geradezu, als ob das Schulehalten nicht die ganze
Kraft eines Mannes in Anspruch nähme.

Was tun? Man zeige den Leuten, daß die Mängel, die
sich bei unserm Schulwesen vorfanden und wohl auch jetzt noch
hie und da sich vorfinden, nicht mit zum Wesen der Sache
gehören, also abgetan werden können und abgetan werden
sollten, ja vielfach schon abgetan worden sind. Man zeige, daß
auch die Staatsschulen damals in ihrer äußeren Gestaltung
durchaus nicht das waren, was sie heute sind. Vor allem aber
überzeuge man die Leute aus Gottes Wort, daß man seine
Seligkeit nicht geringschätzen sollte, und daß Eltern ihren Kin⸗
dern kein höheres Gut als das der Seligkeit hinterlassen können.
Man belehre die Leute immer wieder aus Gottes Wort, daß
Eltern ihren Kindern eine von Gott befohlene christliche Er—
ziehung schuldig sinoͤ, eine Erziehung „in der Zucht und Ver⸗
mahnung zum SErrn“. Man zeige, daß dies unter unsern
Verhältnissen am besten durch das Hilfsmittel der christlichen
Gemeindeschule geschehen kann. Dabei schimpfe man aber nicht
auf die Staatsschulen, denn die müssen wir ja haben; auch
mache man es ihnen nicht zum Vorwurf, daß sie religions⸗
los sind, denn als Staatsschulen müssen sie das ja sein; auch
rede man nicht so, als ob in den Staatsschulen überhaupt nichts
Ordentliches geleistet werde, denn solche Rede wäre ja nicht
wahr: wohl aber weise man immer wieder darauf hin, daß
die Staatsschulen für Christenkinder nicht genügen; daß Chri⸗
sten ihre Kinder nicht einer Schule anvertrauen sollen, in welcher
Gottes Wort nicht regiert; daß die ganze Erziehung eines
Kindes, nicht nur ein Teil derselben, in christlichem Geiste
geleitet werden sollte; daß in den Staatsschulen manches vor⸗
kommt (zum Beispiel häufige Sünden gegen das sechste Gebot),
was einen Christen mit den größten Befürchtungen erfüllen
müßte, wollte er sein Kind denselben anvertrauen, ja ihn vor
denselben abschrecken sollte; daß man endlich sich sehr irrt, wenn
man meint, die Gemeindeschule könne in weltlichen Fächern
nicht das leisten, was in der Staatsschule geleistet wird. Was
das zuletzt Genannte betrifft, so ist es Tatsache, daß die Kinder
einer guten Gemeindeschule in ihrem weltlichen Wissen denen
der Staatsschule nicht nachstehen, ja, was gründliche Kenntnisse
anbelangt, ihnen sogar voraus sind.

Hat jemand wirklich guten Grund, mit der Schule seiner
Gemeinde in dieser oder jener Hinsicht unzufrieden zu sein, so
sollte er seinen Protest nicht dadurch zum Ausdruck bringen,
daß er einfach seine Kinder nicht hineinschickt oder sie heraus—
nimmt, sondern die christliche Liebe zu seinen Kindern sowie
zu allen Eltern in der Gemeinde samt ihren Kindern, ja zur
ganzen Gemeinde und Kirche, aber auch die Liebe zu seinem
Gott und Heiland fordert ihn dazu auf, durch Rücksprache mit
dem Lehrer (wenn derselbe allein zunächst in Betracht kommt)
oder mit dem Pastor oder mit dem Schulvorstand oder gar
schließlich mit der ganzen Gemeinde in der Gemeindeversamm⸗
lung darauf hinzuwirken, daß ein etwaiger übelstand, ein
etwaiges Mißverhältnis, eine etwaige Unordnung, oder was es
sein mag, auf gehörigem Wege abgetan werde.

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