Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 72, Nummer 12 › Seite 222
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 6. Juni 1916, Seite 222
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Verlobung 8
222
S Ver V„DutpheranedS
Aber auch die Sonntagsschulen bringen es nicht
dahin, daß die Schüler eine klare Erkenntnis der Wahrheit be⸗
kommen und imstande sind, Schwarz und Weiß, Wahrheit und
Lüge zu unterscheiden. Wer die für Sonntagsschulen bestimm⸗
ten Lektionen der reformierten Kirchen, der Methodisten, Bap⸗
tisten, Presbyterianer usw., näher ansieht, wird finden, daß ihr
Inhalt fast ausschließlich dem geschichtlichen Teile der Schrift
entnommen ist, daß dagegen der doktrinelle Teil, der die Heils⸗
lehren enthält, aus dem unser Katechismus genommen ist, der
in Tausenden von Liedern unserer Kirche in Reime gebracht
und in Musik gesetzt ist, arg vernachlässigt wird. Nun sind wir
weit davon entfernt, die Biblische Geschichte gering anzuschlagen.
Die christliche Religion ist unter allen Religionen die einzige auf
Geschichte, auf großen Taten Gottes beruhende Religion. Der
zweite Artikel, der Hauptartikel der christlichen Religion, ist Ge⸗
schichte; es wird darin eine geschichtliche Tatsache an die andere
gereiht. Aber mit Geschichte allein kommit man nicht aus. Es
kann einer die ganze Passionsgeschichte wissen, ohne „die Ursach'
fein und die Frucht“ des Leidens Christi zu verstehen. Er kann
viele biblische Geschichten gelernt haben und doch nicht imstande
sein, die richtige, biblische Antwort auf die Frage: „Was muß
ich tun, daß ich selig werde?“ zu geben. (Zur Biblischen Ge—
schichte muß die Glaubenslehre, die Dogmatik, hinzukommen.)
Er kann die Geschichte von der Einsetzung der heiligen Taufe
wissen, ohne imstande zu sein, die Fragen zu beantworten:
„Was gibt oder nützt die Taufe?“ oder: „Wie kann Wasser
solche große Dinge tun?“ Es kann einer imstande sein, aus
den Einsetzungsworten des heiligen Abendmahls, die er gelernt
hat, die Fragen zu beantworten: Wer hat das heilige Abend⸗
mahl eingesetzt? Wann hat er es eingesetzt? Was gab er
bei der Einsetzung desselben den Jüngern zu essen? Was gab
er ihnen zu trinken“ Was sprach er, als er ihnen das Brot
reichte? Was sprach er, als er ihnen den Kelch reichte? Wie
steht es aber mit der Frage: „Wer empfäht solch Sakrament
würdiglich?“ Die Antwort auf diese Frage ließe sich, wenn
einer ein geschickter Katechet ist, vielleicht aus den Einsetzungs⸗
worten entwickeln. Allein unser Glaube will ein festes pro—
phetisches Wort haben, und darum lassen wir die Dogmatik
uns sagen, wer das Sakrament würdiglich empfängt. (1 Kor.
11, 27.) Dogmatik, Heilslehre, zur Strafe, zur Besserung,
zur Erziehung in der Gerechtigkeit ist es, was wir in den Pre⸗
digten treiben, und womit wir uns bei den Lehrverhandlungen
auf Konferenzen und Synoden beschäftigen. Biblische Geschichte
und Katechismuslehre müssen nebeneinander hergehen, und so
wird der Mensch Gottes geschickt zu prüfen, ob eine Lehre von
oben her ist, von Gott, oder von unten her, vom Vater der
Lügen, in dessen Dienst alle falschen Propheten stehen.
—— —
„So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.“
Was sagt dieser Spruch erwachsenen Kindern und ihren Eltern?
III.
Lieber Neffe Paul!
Wie ich Dir im vorigen Briefe versprach, sollte meine Ant⸗
wort auf die Frage Deines Freundes betreffs der „elterlichen
Autorität in Ehesachen und des Mißbrauchs derselben“ bald
folgen. Und da ich mir bewußt bin, daß Versprechen und
Halten gut steht bei Jungen und Alten, will ich mich beeilen,
Dir meine Meinung mitzuteilen. Doch nein, ich verzichte auf
meine Meinung; ich will mich in Beantwortung dieser etwas
heiklen Frage vielmehr gleich auf die höchste Autorität be⸗
rufen, die es in allen Fragen des Glaubens und des Lebens
gibt. Das ist, wie Du ja weißt, die Heilige Schrift.
Unter den niancherlei Stellen, die hier als einschlagend
angeführt werden könnten, will ich nur 1 Mos. 24 anführen.
Du hast dies Kapitel gewiß auch schon oft gelesen; aber nimm
Deine Bibel zur Hand und lies es einmal langsam und auf⸗
merksam. Aus dieser Stelle, wenn sie Dir gleich in den Sinn
gekommen wäre, hättest Du sofort selbst Deinem Freunde Be⸗
scheid geben können. In diesem Kapitel findet sich nun einiges,
was nicht auf unsere Verhältnisse paßt, zum Beispiel die zehn
Kamele und Diener, welche der Knecht Abrahams nahm, als
er auf die Brautschau auszog. Das ist auch ohne Belang in
unserer Frage. Wichtig ist aber, was der Vater Abraham und
danach Bethuel und sein Eheweib sagten und taten. Als Abra⸗
ham seine erste Liebe, die treue Sara, beerdigt hatte, war nicht
nur er, sondern auch der Sohn der Verheißung, Isaak, tief be⸗
trübt. Ohne Zweifel hatte der Vater mit seinem erwachsenen
Sohne des öfteren von der großen Verheißung Gottes geredet,
daß aus den Nachkommen des Isaak alle Völker auf Erden ge⸗
segnet werden sollten. Dann mußte aber Isaak auch ein Weib
nehmen und Kinder zeugen. Aber unter den ungläubigen
Kanaanitertöchtern war keine passend als Stammutter des
Heilandes. Und Abraham freute sich, als er merkte, wie Isaak
keinen Gefallen an den Töchtern der Heiden hatte. Andere
Jungfrauen kannte Isaak aber nicht. Da entschloß sich der
Vater, ohne Zweifel mit Zustimmung seines lieben Isaak, bei
seinen Bekannten in der alten Heimat durch seinen treuen und
ebenfalls gläubigen Hausvogt nach einer gottseligen Gattin für
Isaak Umschau halten zu lassen. Daraus sehen wir, wie der
Vater der Gläubigen seine elterliche Autorität in Ehesachen
seines erwachsenen Sohnes geltend machte. Ehe Isaak gefun⸗
den und geheiratet hatte, war der Vater besorgt für den Sohn,
redete offen und aufrichtig mit ihm und zeigte ihm, was sich
für ihn als einen Gläubigen passe. Aber der Vater behandelte
seinen Sohn auch vor der Ehe nicht wie einen Diener oder
Sklaven, der einfach gehorchen müsse, auch gegen seine eigene
Zustimmung und Neigung.
Es ist daher ein Mißbrauch der elterlichen Autorität,
wenn sie für ihre Söhne oder Töchter nur solche Personen in
Vorschlag bringen, die sich durch hohe Bildung oder Schönheit
oder gehörige Knochen und Muskeln oder einen straffgefüllten
Geldsack auszeichnen. Auf einer solchen Auswahl ruht kein
Gottessegen. Ja, Eltern, wenn sie auf Personen mit nur
diesen Vorteilen bestanden, haben ihren Kindern schon namen⸗
loses Elend bereitet. Sie haben es nicht gut gemeint mit
ihnen und haben in ihrer irdischgesinnten Meinung großen
Schaden angerichtet.
Wie Abraham, so hatten hernach auch Bethuel und seine
Frau elterliche Autorität vor der Verheiratung ihrer Tochter
geltend gemacht, aber auch in rechter Weise. Bei ihnen brachte
Elieser seine Werbung zuerst vor, wie das nach dem vierten
Gebot recht ist. Und durch den Bericht dieses frommen Dieners
wurden sie willig gemacht, keine Einsprache zu erheben, falls
ihre Tochter bereit sein sollte, in die Ferne zu ziehen und dort
Isaaks Weib zu werden. Sie zwangen Rebekka aber nicht,
sondern fragten sie: „Willst du mit diesem Manne ziehen?“
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