Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 72, Nummer 12 › Seite 230
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 6. Juni 1916, Seite 230
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Tod
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E
gleiten zu lassen und dann den andern gewissermaßen in Emp⸗
fang zu nehmen. Ein Gefühl unbeschreiblichen Glückes überkam
ihn, als er so weit gekommen war. Ein Menschenleben gerettet!
Er hätte zugleich jauchzen und weinen mögen; aber nun galt es
noch, den Geretteten auch im Boote zu bergen; denn er selbst
schien gänzlich unvermögend, etwas zu seiner Sicherheit beizu⸗
tragen. Da war wieder die Umsicht des Alteren sehr am Platze.
Wie leicht konnte auch jetzt noch das Boot umschlagen, daß alle
drei in den Wellen begraben würden oder in elender Weise in
dem Tauwerk des Schiffes hängen blieben, um zu verschmachten;
denn vom Strande her, das wußten sie, war keine weitere Hilfe
zu erwarten; dazu dämmerte der Abend je mehr und mehr herein.
Aber wir kehren an den Strand zurück. Eine volle Stunde
und darüber war vergangen, seitdem die beiden Mutigen hinaus⸗
gefahren waren in Sturm und Wellen. Man hatte inzwischen
die vorher Geretteten so gut wie möglich unterzubringen gesucht.
Die Lotsen hatten zu Hause die Kleider gewechselt und sich von
ihren Frauen einen warmen Trunk bereiten laffen. In dem Be⸗
wußtsein, daß die Rückkehr des Kommandeurs und des Ben doch
glücklichsten Falles erst nach anderthalb Stunden stattfinden könne,
hielt niemand draußen im Sturme aus als die Kat, und die saß
auf ihrem Stein, ein Bild des Jammers. — So sollte sie nun
auch noch das letzte Kind hergeben? Was nützte es ihr weiter⸗
zuleben? So stürmte es in ihrem Innern. O möchte doch eine
der wilden Wogen kommen und sie bei ihren Lieben begraben!
Aber die Wogen wurden nun nicht mehr wilder und kamen nicht
näher, sondern der Wind ging allmählich herum und blies von
Süden her; ist aber Landwind, dann wird es stiller an der Ost⸗
seeküste, mit der wir es hier zu tun haben. Auch der Mond,
freilich noch etwas nebelhaft, begann hie und da durch die zer⸗
rissenen Wolkenschleier zu blicken, was der Landschaft ein milderes
Gepräge gab.
Und nun kamen sie schon wieder herbei, die Nachbarn und
Freunde, suchten die beinahe Verzweifelnde zu trösten und spähten
mit ihr in die Ferne. Wie Gespenster, vom Monde beschienen,
zogen die Nebel dahin und dorthin, bald wie mit schleppenden
Gewändern, bald hochgeschürzt erscheinend. Plötzlich wurden sie
wie in zwei Hälften geteilt, ein schwarzes Etwas wollte sich
hindurchdrängen; aber der gespenstische Schleier wallte wieder
herab; da, noch einmal das dunkle Etwas und größer.
„Das Boot, das Boot!“ erklang der Ruf aus vor Aufregung
heiseren Kehlen.
Wie Nebelschleier; noch einmal und viel größer und näher
das dunkle Etwas. Ja, es war das Boot, was sollte es anders
sein? Nun erkannte man sogar schon drei Personen im Fahr⸗
zeug. „Hoa, hoa!“ rief es vom Ufer den Ankommenden zur
Begrüßung. Da erhob sich der junge Mann am Steuer, und die
Hände wie ein Schallhorn an den Mund gelegt, rief Ben Klasens
Stimme deutlich und klar herüber:
„Sagt's der Mutter, daß wir den Hans gerettet haben!“
Ach ja, der Unglückliche, in dem Takelwerk hängen Gebliebene
hatte auch eine Mutter, und das war dieselbe, die den Ben so mit
allen Kräften Leibes und der Seele hatte von dem Rettungswerk
zurückhalten wollen. Der reuig zurückgekehrte Sohn wäre im
Angesicht des heimatlichen Strandes elend ums Leben gekommen,
wenn nicht der andere sein Leben eingesetzt hätte für den Unbe⸗
kannten, der in Not und Bedrängnis war.
Die Kat war zuerst ganz wie betäubt, sie konnte sich nicht
da hineinfinden. In Gedanken hatte sie Abschied genommen von
dem letzten Sohn, und nun lebten ihre beiden Söhne! Immer
wieder streichelte sie den noch wie halberstarrten Wiedergefundenen
und sah dann mit einer Art von Scheu zu Ben hinüber, der
heute so groß und fast schön, ja wie verklärt ausschaute. Als der
erste Begrüßungssturm vorüber war, trat der Lotsenkomman⸗
deur heran. ö
„Nun, Mütterchen“, sagte er freundlich, „werden Sie doch 8
wohl Ihren Benjamin nicht länger davon zurückhalten, Seemann
zu werden? Ich sage Ihnen, in dem steckt was. Ich werde dem E
Landesherrn über ihn berichten. Er muß mir auf eine tüchtige N
Seemannsschule. Solche junge Leute können wir auf der Marine
und überall gebrauchen.“ FP
Ja, jetzt war sie mit dem allem zufrieden, die gute Kat,
hatte ihr doch Gott der HErr soeben gezeigt, wie er erretten 7
könne, wo es sein weiser Ratschluß ist. Hatte der HErr nicht 4
dem Ben so recht augenscheinlich die große Liebe zum Meer und 4
den tapferen Mut in das Herz gegeben, damit er den Bruder hatte
retten können? Auch wenn der Hans nicht erklärt hätte, jetzt
ganz bei ihr zu bleiben, Fischer zu werden und ihren kleinen Acker
zu bestellen, hätte sie Ben wohl nichts mehr in den Weg gelegt,
seinem Lieblingswunsche zu folgen und richtig Seemann zu
werden. —
Und er ist ein tüchtiger Seemann geworden, der Benjamin 4
Klasen, er hat's bis zum Lotsenkommandeur gebracht und ist der —
Stolz seiner Mutter. Der Hans aber hat nun auch gut getan; 3
er trägt die Mutter, der er vorher so viel Sorge und Not gemacht 4.
hat, auf Händen. Doch hat er es nicht weiter gebracht als zum
Fischer. Er wohnt bei der Mutter in dem alten Häuschen und 4
hat eine gute, sanfte Frau, die es auch gut macht mit der Alten. 4
Die Seefahrten auf eigene Faust, mit bösem Gewissen, sind ihm
gründlich verleidet; er freut sich aber, daß er durch Gottes Gnade
doch gewissermaßen Ursache gewesen ist, daß sein Bruder nicht
mehr still daheim zu sitzen braucht, was ihm ja so unendlich
schwer wurde. +
So führst du doch recht selig, HErr, die Deinen,
Ja selig und doch meistens wunderlich!
Wie könntest du es böse mit uns meinen,
Da deine Treu' nicht kann verleugnen sich?
Die Wege sind oft krumm und doch gerad',
Darauf du läßt die Kinder zu dir gehn;
Da pflegt es wunderseltsam auszusehn;
Doch triumphiert zuletzt dein hoher Rat.
—— —
„Warum müssen wir Missionsfest feiern?“
„So weit wäre alles erledigt. Ehe wir aber schließen, möchte
ich noch eine Sache vorbringen, die in dieser Versammlung un⸗
bedingt zur Sprache kommen sollte; ich meine die Feier eines
Missionsfestes.“
So etwa sprach Pastor Gottlieb nach Erledigung der Routine⸗
geschäfte in der Juli-Gemeindeversammlung zu Filzen. Hätte
der Pastor mit dieser Einleitung seiner Rede über die Feier des
Missionsfestes sich nicht etwas beeilt, dann wäre Knapp ihm mit
seinem Vorschlag, „daß wir uns „vertragen““, zuvorgekommen; X.
denn die bekannten Apfelschimmel stampften und scharrten infolge
der lästigen Fliegen vor Ungeduld, daß Knapp es von der Kirche ů
aus nicht mehr mit ansehen konnte. Er fiel darum seinem Pastor“ 1
ziemlich unsanft in die Rede und sagte: 42
„Warum müssen wir Missionsfest feiern? Ich hab' mir
sagen lassen, daß, wenn man damit erst anfängt, man niemals
nicht damit fertig wird. Biedermann hat mir verzählt, daß sie I
in der Stadt, wo er früher wohnte, jedes Jahr Missionsfest feiern,.
und daß er diesen Sommer seinen Besuch nach der früheren Heimat
so einrichten will, daß er am Missionsfest teilnehmen kann. Das! 4
zeigt doch deutlich, daß die Leute in Biedermanns alter Gemeinde 2
noch immer nicht mit dem Missionsfest fertig sind, und daß selbst
unser guter Biedermann die Missionsfestkrankheit hier in derf
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