Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 72, Nummer 12 › Seite 229

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 6. Juni 1916, Seite 229

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Tod

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* Mer ut eraner 229

„Wer doch da draußen wär'!“ stöhnte Ben.

„Halt's Maul, Jung'!“ rief ihm ein älterer Fischer zu.

„0o was schickt sich nicht für deinen Vater seinen Sohn. Still—-

geschwiegen und zugegriffen, wo Not an den Mann geht, das ist

Schifferart. Kannst alle Tage ertrinken, wenn du Lust dazu hast.“

ö Die Frauen der Lotsen waren nun auch herbeigeeilt, und

ales spähte in atemloser Spannung durch Sturm und Wogen—

g gebrause nach der Richtung, die ein noch aufgestelltes Fernrohr

als Stelle bezeichnete, wo das in Not befindliche Schiff zu sehen
aewesen war. Es dauerte wohl fünfzig Minuten. Endlich, end⸗
lich Bewegung im Nebel: „Sie kommen, sie kommen!“

Man stürzte zu dem Fernrohr, und derjenige, der es zuerst

erreicht hatte, mußte berichten: „Dat Boot is vull.“

VVull Water?“ wurde er angerufen.

„Dummheit! Vull Minschen.“

„Uns' all' dorbi?“ ö

„Dummheit! Dat kann ik doch nich seihn.“

„Wo väl sünd denn da in?“

„Tell'n kann's nich.“

„Doch nu — ik will mal anfangen.“

Es war nicht genau festzustellen, wieviel Insassen das mög⸗

lichst schnell herankommende Boot hatte; aber es war klar, es

waren viel mehr Menschen jetzt darin, als ausgefahren waren;

so konnte man annehmen, daß das Rettungswerk im Gelingen sei.

Freilich stand noch ein heißer Kampf mit der Uferbrandung bevor;

aber es wurde sicher durchgekämpft, und die Fischer am Ufer

griffen auch tapfer zu, als es zuletzt sich nur noch darum handelte,

*die schiffbrüchigen Leute, die zum Teil wie erstarrt im Boote

lagen, an das Ufer zu tragen.

„Das Schiff ist hin“, sagte der Lotsenkommandeur, der

3 zuletzt ans Land gestiegen war; „wir haben aber doch gerettet,

was zu retten war.“

ö „Nicht alle?“ fragte Ben Klasen mit funkelnden Augen.

„Es war schon ein Teil der Mannschaft, der Gegenorder

zum Trotz, mit dem Boot, das zum Schiff gehört, auf und davon.

Sind natürlich in den Klippen umgekommen oder kommen noch um.

Wo man am Tage ohne unsere Hilfe nicht durchkommt, kann man

allein in Nacht und Nebel den Weg nicht finden.“

„Aber die noch auf dem Schiffe waren, sind alle hier?“

fragte Ben beharrlich.

ů „Einer hing noch oben inn Takelwerk“, antwortete der Lotsen—

kommandeur ernst. „Er war zu erstarrt, herunterzuklettern, und
F wir konnten ihn nicht holen, das Schiff war im Sinken. Wir

hätten die ganze Mannschaft aufs Spiel gesetzt, wenn wir mit

dem überfüllten Boot dem Wellenstrudel des Versinkens nahe ge—

blieben wären. Gott der HErr sei dem Armen gnädig!“

Ben hatte sich während der letzten Worte des Lotsenkomman—

deurs schon dem Strande genähert. Jetzt stand er nicht in dem

großen Rettungsboot, sondern in einem ihm wohlbekannten kleine⸗

ren, das er gut zu regieren verstand.

„Ik hal' den Letzten! Will ein' mit?“

Aber da tönte vom Ufer her ein herzdurchdringender Auf—

4 schrei; denn seine Mutter, die es nicht länger in der einsamen

E Hütte geduldet hatte, war auch an den Strand geeilt, und obgleich

sie sich noch soeben beim Gebet bittere Vorwürfe über ihren Un—

glauben und ihre Selbstsucht gemacht hatte, warf sie sich jetzt dem
Sohn in wilder Verzweiflung entgegen. Ihr Einziger durfte

nicht, sollte nicht in die augenscheinliche Todesgefahr gehen. Es

war Narrheit, es war tollkühn von ihm.

Je weniger dergleichen Szenen bei den Strandbewohnern
* üblich sind, um so gewaltiger wirken sie, wenn sie doch einmal

vorkommen. Die Leute standen verstört umher. Keiner hatte

ö 1 den Mut, die Gefahr mit Ben teilen zu wollen; nichtsdestoweniger

verurteilten sie alle in ihrem Herzen die Mutter; denn es war
tapfer und schön von Ben, daß er doch hinaus wollte.

In Ben kämpfte es; er ward leichenblaß. Liebte er doch
die Mutter sehr, wußte er doch, wieviel das Meer ihr schon ge—
raubt hatte; aber er war kein Knabe mehr, der unbedingt ge—
horchen mußte, und hier handelte es sich um ein Menschenleben,
das er retten zu können glaubte.

„Denkst du gar nicht an deine Mutter?“ schrie das ver—
zweifelte Weib noch einmal auf.

„Denkst du denn, daß, der da draußen an den Rahen hängt,
keine Mutter hat?“ rief Ben entgegen.

Da fielen die Hände der Kat von dem Kiel des Bootes, das
sie umklammert hatten, herab, und alle Schmerzen des vergange—
nen Lebens stürmten auf sie ein. Die Frauen umgaben sie und
suchten sie zu trösten, der Lotsenkommandeur aber trat festen
Schrittes zu Ben: „Der Junge hat recht“, sagte er; „es muß
versucht werden. Ich gehe mit.“

Und nun ging es zum zweitenmal in das Wogengebrause
hinein, und atemloser als vordem war die angespannte Aufmerk⸗
samkeit vom Strande aus. Freilich hatte auch der Nebel in⸗
zwischen noch mehr überhandgenommen. Das kleine Boot war
den Blicken bald entschwunden, und von dem gestrandeten Schiffe
war ja schon lange nichts mehr am Ufer zu sehen; aber die
Richtung war von den kühnen Seefahrern doch richtig eingehalten
worden, und da tauchte denn alsbald ein Streifen durch den Nebel
vor ihnen auf, der nur der Mastbaum des vielleicht noch nicht
ganz versunkenen Schiffes sein konnte. So war ihnen doch die
Richtung sicher. Aber langsam, langsam ging es vorwärts. Doch
jetzt da war das nicht ein dunkler Punkt im Takelwerk dicht
an dem Mastbaum? Richtig, da hing der Mensch noch! Sie
sahen jetzt, daß er sich mit seiner Jacke festgebunden hatte und
wie leblos taumelte. Der erfahrene Lotsenführer, der mit allem
zur Rettung Brauchbaren versehen war, gebot, als sie nahe genug
herangekommen waren, dem Ben, zu dem Unglücklichen, der nicht
mehr allzuhoch über dem Wasser hing, hinaufzuklettern und ihm
den im Boote befindlichen Rettungsgürtel überzustreifen, worauf
er loszuknüpfen oder loszuschneiden sei und vorsichtig in das Meer
hinabgelassen werden müsse. Dem Ben selber drängte der Kom⸗
mandeur seinen eigenen Schwimmgürtel auf. Und die Arbeit
war so gut eingeteilt, daß der Altere im Boot blieb; denn zu
Bens Obliegenheiten gehörte ein verwegener Jugendmut und sehr
geschmeidiger Körper, aber zu dem, was der Kommandeur über—
nommen hatte, gereifte Erfahrung und die volle Lebenskraft eines
tüchtigen, ganzen Mannes; denn da galt es, das Boot ganz
allein zu regieren und gleichzeitig in der Nähe und doch von
Klippen und Wracküberresten fernzuhalten. Es kam den beiden
zugute, daß das Schiff auf einem bekannten Riff gestrandet war
und nur etwa fünf Fuß unter der Meeresfläche anscheinend ziem—
lich fest lag; wenn auch Welle auf Welle die Retter und den zu
Rettenden wie Spielbälle hin und her warfen, das Ziel blieb im
Grunde doch fest. Und endlich, endlich hatte Ben den unglücklichen
Matrosen erreicht!

Er klammerte sich fest an das Tauwerk und erfüllte seinen
Auftrag so schnell und geschickt wie möglich. Das mit dem Gürtel
ging auch verhältnismäßig leicht; aber die Jackenärmel, in der
Todesangst geknüpft, wollten nicht loslassen. Gott sei Dank —
Ben fühlte sein Schnitzmesser in der Hosentasche.

„Stiefel aus!“ donnerte der Kommandeur herüber.

Ach, das hätte er ja beinahe vergessen, dem andern die
Stiefel auszuziehen, die Füße müssen frei sein, Stiefel sind viel
zu schwer auch für den Schwimmgürtel; denn sie ziehen Wasser.
Endlich war auch das geschehen, und die Jacke gab nach, sobald
sie nur erst einen Riß hatte, zwar langsam, langsam; aber das
war gut! Ben hatte Zeit, sich selbst erst in das Meer hinunter⸗

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