Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 72, Nummer 12 › Seite 221
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 6. Juni 1916, Seite 221
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leibliche Tod, das heißt, die Trennung von Leib und Seele, ist
SEer 1. utheraner
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4 von Gott absolut bestimmt, also von vornherein unabänder—
lich festgesetzt sei. Solche Stellen sind z. B. Hiob 14, 5: „Er
(der Mensch! hat seine bestimmte Zeit, die Zahl seiner Monden
steht bei dir; du hast ein Ziel gesetzt, das wird er nicht über—
gehen.“ Ps. 139, 16b: „Und waren alle Tage auf dein Buch
geschrieben, die noch werden sollten, und derselben keiner da
war.“ Matth. 6, 27: „Wer ist unter euch, der seiner Länge
[des Lebens! eine Elle zusetzen möge, ob er gleich darum
sorget?“
Auf der andern Seite finden wir, daß z. B. denen, die das
vierte Gebot halten, langes Leben zugesagt wird. Ps. 55, 24
heißt es: „Die Blutgierigen und Falschen werden ihr Leben
nicht zur Hälfte bringen“, und Ps. 102, 25 betet David: „Mein
Gott, nimm mich nicht weg in der Hälfte meiner Tage!“ Hiskia
wurden fünfzehn Jahre zugelegt auf sein Gebet hin, nachdem
ihm schon der unmittelbar bevorstehende Tod angekündigt wor—
den war usw. Demnach scheint das Ende des Lebens doch nicht
absolut festgesetzt, bestimmt zu sein. Wie verhält es sich damit?
Ordnen wir die Stellen Heiliger Schrift, die darüber
Aussagen machen, so kommen wir zu folgendem Resultat.
Ps. 90, 10 heißt 48 „Unser Leben währet siebzig Jahre, und
wenn's hoch kommt, so sind's achtzig Jahre“ usw. Danach
kann man also offenbar mit unsern Kirchenlehrern von einer
natürlichen Grenze des Lebens reden. Eine Lebens⸗—
dauer von siebzig bis achtzig Jahren ist dem Menschen nach dem
Sündenfall, nach der Sintflut, eine natürliche.
Aber wie schon die Erfahrung lehrt, wird diese Grenze
oft verrückt, rückwärts oder vorwärts geschoben, und zwar bei
Gläubigen und Ungläubigen. Wenn sie vorwärts geschoben
wird, so wird das Leben über die natürliche Dauer verlängert;
wenn rückwärts, verkürzt.
Bei Gläubigen wird manchmal das Leben über die natür⸗
liche Grenze hinaus verlängert als Belohnung ihrer
Frömmigkeit. So ist ja dem vierten Gebot eine dahin—
lautende Verheißung angehängt: „Auf daß dir's wohl gehe,
und du lange lebest auf Erden“, 2 Mos. 20, 12; vgl. auch
Spr. 3, 1. 2 und 4, 10. Dem König Hiskia wurde, wie
bereits gesagt, das Leben um fünfzehn Jahre verlängert, ob—
wohl der nahe Tod ihm verkündigt worden war, Jes. 38, 5.
— Oder ihr Leben wird verlängert, damit sie noch mehr
nützen können. So sagt St. Paulus 2 Kor. 1, 11, daß
ihm das Leben auf die Fürbitte der Christen hin erhalten wor—
den sei in großer Gefahr, damit er noch mehr nützen könne;
ogl. dazu Phil. 1, 22—25.
Ist das aber nicht ein Widerspruch? Sagen wir nicht oft,
daß der leibliche Tod der Christen ihnen nur ein Gewinn sei?
Wie kann dann Verlängerung dieses Lebens etwas Gutes sein?
Antwort: Das irdische Leben ist immerhin ein hohes Gut. Der
eine solche Unnatur — sie sollten ja nach Gottes Plan ewig
beieinander bleiben —, daß auch dem Christen davor noch
graut, und er zunächst dieses Leben und dessen Verlängerung
als eine große Wohltat empfindet. Freilich gibt es hier auch
Ausnahmen.
Aber auch verkürzt wird das Leben der Gläubigen aus
verschiedenen Rücksichten, z. B. um sie vor dem Bösen zu
bewahren, daß sie gewisse übel nicht schmecken und kennen
lernen sollen. So heißt es Jes. 57, 1. 2: „Aber der Gerechte
kommt um, und niemand ist, der es zu Herzen nehme; und
heilige Leute werden aufgerafft, und niemand achtet darauf.
Denn die Gerechten werden weggerafft vor dem
Unglück. Und die richtig vor sich gewandelt haben, kom—
men zum Frieden und ruhen in ihren Kammern.“ Das ist
dann eine Gewährung der Bitte: „Erlöse uns von dem Übel!“
die sie oft gebetet haben. So wurde dem frommen König
Josias ein baldiger Tod verkündigt, „daß deine Augen nicht
sehen alle das Unglück, das ich über diesen Ort und die Ein⸗
wohner bringen will“, 2 Chron. 34, 28. — Sodann wird das
Leben der Gläubigen verkürzt, um sie vor Verführung
zu bewahren und sicherzustellen; siehe Weish. 4, 10.
11. 14. Das ist ja auch der hohe Trost bei dem Tode unserer
Kinder, die in zartem Alter sterben. Wir wissen, sie sind in
ein besseres, vollkommeneres Leben eingegangen, ohne recht
gewußt und gelernt zu haben, was Sünde, Gewissensnot und
auch Tod ist und zu bedeuten hat; sie sind vor vielem Bösen
und Gefährlichen nun für immer bewahrt und sicher.
2. Wie kommt es, daß in uuserm Lande so viele Sekten sind?
(Aus einem Referat über die Adventisten. South Dakota-⸗Distrikt.
Prof. Geo. Weller, Referent.)
Fürwahr, die Zahl der Sekten unter den Jsraeliten war
verschwindend klein, verglichen mit der Zahl der Sekten in
unsern Tagen und in unserm Lande, und als der SErr die
Worte sprach: „Es werden sich viele falsche Propheten er—
heben“, konnte er seine Behauptung nicht auf die Erfahrung
gründen, die die Kirche des Alten Bundes gemacht hatte.
Nun wäre die Frage nicht unangebracht: Wie kommt es
wohl, daß in unserm Lande die Zahl der Sekten und Schwär—
mer so groß ist? Da muß freilich zugegeben werden, daß
manche Sekten importiert sind; aber größer ist doch die Zahl
derjenigen, die in diesem Lande geboren und in die Welt ge—
kommen sind, so daß man ihnen den Stempel „Made in the
United States“ aufdrücken könnte. Und es unterliegt keinem
Zweifel, daß die große Unwissenheit der Leute unsers Landes
in geistlichen Dingen es falschen Propheten erleichtert, ihre
Fündlein an den Mann zu bringen. Die schulpflichtige Jugend
unsers Landes wird mit Ausnahme eines nicht großen Prozent⸗
satzes in der Staatsschule unterrichtet und erzogen. Da lernen
sie nun nichts von der heilsamen Lehre und vom Glauben und
von der Liebe in Christo IEsu. Sie lernen nicht das Zeugnis
des HErrn, das gewiß ist und die Albernen weise macht. Wir
machen dem Staat dies nicht zum Vorwurf. Ihm ist nicht die
Bibel in die Hand gegeben, und der Auftrag erteilt worden:
Predige das Evangelium aller Kreatur! Das ist vielmehr die
Aufgabe der Kirche. Dem Staat dagegen ist das Schwert in
die Hand gegeben mit der Weisung: Brauche es zur Rache über
die Übeltäter und zum Nutzen der Frommen! Etwas Moral
muß der Staat zwar lehren. Ohne Moral könnte kein Staat
bestehen, und die Gebote: „Du sollst nicht töten, du sollst nicht.
ehebrechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch Zeugnis
reden“ stehen nicht bloß in der Bibel, sondern auch in den
Gesetzbüchern des Staates. Allein wenn einer auch dies alles
nach dem Sinn und Verstande des weltlichen Gesetzes gelernt
hat, ist er von einem Schriftgelehrten, zum Himmelreich ge—
lehrt, noch so fern wie die Mitternacht vom Mittag; er ist noch
völlig unfähig, die Geister zu prüfen, sich vorzusehen vor den
falschen Propheten. Kein Wunder, wenn solche sich wägen und
wiegen lassen von jedem Wind der Lehre.
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