Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 64, Nummer 3 › Seite 36

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 11. Februar 1908, Seite 36

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S Ver 2.LutheranssSse

—

Stimme in ihrem Inneren zu: „Ich gehe nicht mit; ich gehe
nicht mit!“ Immer näher kommt sie dem Tanzlokale, aber
immer mehr wächst auch ihre innere Unruhe, ihre Angst! Sie
wagt es nicht, den Saal zu betreten, sondern kehrt eiligst nach
Hause zurück. Kaum eine Viertelstunde war seit ihrem Weg⸗
gang verstrichen. Erstaunt fragt sie Spitta: „Warum denn
schon wieder hier?“ Sie antwortet: „Ich habe den HErrn
IEsum gebeten, er solle doch mitgehen, aber er wollte nicht, da
mußte ich wieder umkehren.“ Und von der Zeit an war ihr
Herz umgewandelt. Ja, mein lieber Christ, du kannst nicht zum
Tanze gehen und den HErrn JIEsum bitten, er solle mitgehen,
und wenn du es doch tust, er geht nicht mit!

Noch an eine andere Begebenheit aus der Amtszeit Pastor
Woltersdorfs in Deutschland sei hier erinnert. Derselbe war
auf eine Hochzeit geladen in seiner Gemeinde, in die er erst
kürzlich eingezogen war. Nach dem Essen wollte man mit dem
Tanze beginnen. Der treue Pastor bat und warnte, man möge
es doch nicht tun, da das sich nicht für Christen gezieme. Aber
alles war umsonst, man berief sich auf die alte Sitte. Da
endlich bat der bekümmerte Pastor, man solle ihm dann wenig⸗
stens den Gefallen tun und, ehe man mit dem Tanze beginne,
das Lied singen: „O Haupt voll Blut und Wunden!“ Das
geschah. Die Musikanten spielten und die Gäste sangen das
angegebene Lied. Und siehe, kaum war das köstliche Lied
beendigt, da war auch alle Tanzlust verflogen.

Und wir hoffen, mein lieber Christ, dir ist's mit deiner
Tanzlust ebenso ergangen. Gott walt's in Gnaden!

A. L.

Unsere Emigrantenmission in Baltimore.

Wie wird die Emigrantenmission in Baltimore betrieben
und worin besteht die Arbeit des Missionars? Das will ich dir
einmal kurz schildern, lieber Leser. Zehn bis zwölf Stunden
vor Ankunft eines Dampfers wird der Missionar von den Be⸗
amten des Norddeutschen Lloyd telephonisch benachrichtigt, wann
das Schiff anlegen wird. Um die Stunde, in der der Dampfer
fällig ist, wird es auf dem großen, fast eine Million Dollars
kostenden Landungsplatz (pier) der Baltimore und Ohio⸗Bahn
lebendig. Die Beamten der Emigranten⸗ und der Zollbehörde,
die Verlader des Norddeutschen Lloyd und die Angestellten der
Eisenbahn sind hergeeilt und stehen umher und plaudern oder
halten Ausschau nach dem Dampfer. Hunderte von Menschen,
entweder Gäste, die sich gerade in Baltimore aufhalten und sich
das Anlegen eines Dampfers ansehen, oder Bewohner Balti⸗
mores, die ankommende Freunde und Verwandte begrüßen
wollen, sind gekommen und erwarten mit Ungeduld den Dam⸗
pfer. Endlich ertönt der Ruf: „There she is!' und eben biegt
der Dampfer um die Ecke des Patapsco und nähert sich mit
seinen ein⸗ bis zweitausend Passagieren langsam der Landungs⸗
stätte. Auf dem Dampfer herrscht reges Leben; alles, was
Beine hat und sie gebrauchen kann, ist auf das Verdeck geeilt,
um das Anlegen des Dampfers zu beobachten. Wo die Ein⸗
wanderer sich befinden, kann man leicht erkennen an dem Far⸗
benreichtum, der dort herrscht. Hat doch die Slowakin oder
Polin oder Russin ihr buntestes Tuch sich umgetan, das in allen
Farben des Regenbogens schillert, um festlich bekleidet das
Ufer der zukünftigen Heimat zu betreten. Bange Fragen
tauchen wohl in dem Herzen des Einwanderers auf: Werde ich

Passagiere an.

landen dürfen? Werde ich zurückgeschickt werden? Wird man
mich von meinen Lieben trennen? Denn streng sind die Gesetze
und ohne Erbarmen werden sie durchgeführt. Endlich liegt
das Schiff fest an der Landungsbrücke, und die Ausschiffung
der Passagiere beginnt, zunächst die der Kajüten⸗ und dann die
der Zwischendeckspassagiere. Die Wartesäle sind abgesperrt,
denn keiner kommt mit den Einwanderern in Berührung, der
nicht Erlaubnis und Beruf dazu haͤtl. Die Beamten der Emi⸗
grantenbehörde, die Inspektoren und Dolmetscher haben ihre
Plätze eingenommen, und nun kommen auch schon die ersten
Die Bürger des Landes werden nicht belästigt
oder aufgehalten; nur im nächsten großen Saal nehmen die
Zollbeamten sie in Empfang und durchsuchen ihr Gepäck nach
verzollbaren Gegenständen. Aber Nichtbürger, ob sie in der
Kajüte oder im Zwischendeck gereist sind, werden einer scharfen
Untersuchung unterworfen, zunächst vom Arzt und dann von
den Inspektoren. In langen Reihen, in abgegrenzten Gängen
nähern sich die Einwanderer. Da kommt etwa eine Familie,
Vater und Mutter und vier bis fünf Kinder. Der Arzt hat
vielleicht Trachoma, die schreckliche ansteckende Augenkrankheit,
bei der Mutter entdeckt, während die andern Familienglieder
gesund sind. Erbarmungslos wird die Mutter von ihren Kind⸗
lein, die Frau von ihrem Manne getrennt. Herzzerreißende
Wehklagen durchgellen den Raum: „O, das kann doch nicht
sein; meine Augen waren doch immer gesund! Das kann doch
nicht sein, daß ich zurückgeschickt werde!“ Die Kinder klam⸗
mern sich schluchzend an die Mutter, der Vater bittet und fleht
mit von Tränen erstickter Stimme und verspricht, Mögliches
und Unmögliches tun zu wollen, wenn nur die Familie bei⸗
sammen bleibt. Aber alles ist umsonst; wer mit einer gefähr⸗
lichen, ansteckenden Krankheit herüberkommt, muß mit dem
nächsten Dampfer zurück, so lautet das Gesetz und so wird es
durchgeführt, denn das Land muß sich selbst beschützen. Hat
der Mann Lust, mit zurückzureisen, so kann er das tun; will er
hier bleiben, so steht ihm auch dies frei. Ist der Vater der
Familie mit einer ansteckenden, gefährlichen Krankheit behaftet,
so muß die ganze Familie zurückreisen, außer die Verwandten
verpflichten sich, die nun ohne Ernährer Dastehenden zu ver⸗
sorgen. So kam letzten Sommer eine alte gebildete deutsche
Dame herüber, um ihren Lebensabend bei ihren Söhnen in der
Nähe von Pittsburg zu beschließen. Der Arzt stellte Trachoma
fest, und so sollte sie mit dem nächsten Dampfer zurückreisen.
Alles Händeringen, alles Jammern: „Das ist mein Tod! Ich
habe niemand mehr in Deutschland! Ich möchte doch wenig⸗
stens Abschied nehmen von meinen Söhnen!“ half nichts, sie
wurde in das sogenannte Detentionshaus gebracht, um mit dem
nächsten Dampfer, der an demselben Tage noch abfuhr, zurück⸗
gebracht zu werden. Auf meine Bitte hin verschob der Kom⸗
missär die Ausführung auf eine Woche, und ich rief telegraphisch
einen der Söhne herbei, damit er von seiner Mutter Abschied
nehmen könne. Er kam, und ich führte ihn am nächsten Tage
in das Detentionshaus, und dort feierten Mutter und Sohn
ein Wiedersehen so ergreifend, daß selbst die schon gegen manches
Elend abgestumpften Wärter mitweinten. Mit dem Ausruf:
„Mein lieber, lieber Sohn!“ „Meine arme, arme Mama!“
umhalsten sie sich und hielten sich lange still umschlungen. In
dem ebenerzählten Fall ist der Unterzeichnete mit dem Sohn
nach Washington zum obersten Beamten geeilt, und es ist ihm
mit Gottes Hilfe gelungen, die Mutter loszubitten, so daß ihre

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