Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 9, Nummer Beilage › Beilage zu No. 10, S. 9

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-12-07, Beilage zu No. 10, S. 9

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Beilage zu No. 10. Jahrg. 9. des Lutheraners.

(Eingesandt von Pastor Fürbringer in Freistatt und Kirchhain, Wisc.)

Geschichtlich-theologischer Beitrag

zu vollständigerer Beurtheilung der Streitigkeiten zwischen den Grabauianern und den sogenannten Missouriern.

Mit Recht gehören die Bewegungen der lutherischen Kirche in Preußen seit 1830 zu den bedeutendsten kirchengeschichtlichen Ereignissen unserer Zeit, und einen nicht zu übersehenden Theil derselben bilden die Uebersiedelungen preußischer Lutheraner nach Amerika. An der Spitze des Kampfes, in welchen die bekenntnißtreuen Söhne der Kirche der Gegenwart mit ihren Feinden verflochten sind, hat—das ist nicht zu leugnen—schon durch die Verhältnisse mit dem Staat genöthigt, bis jetzt die preußisch-lutherische Kirche gestanden; wer wollte da nicht eines aufmerksamen Hinblicks auch den ausgewanderten Theil derselben hier zu Lande würdigen?

Es war im Herbst des Jahres 1839, als der erste kirchlich-geordnete Zug preußischer Lutheraner auf Amerika's freiem Boden landete, unter der Führung des J. Andr. A. Grabau, eines Mannes, der mit arbeitsvoller Aufopferung unter mannichfachen Leiden und Verfolgungen sich der von dem unirten Staatsregiment in Preußen hart bedrängten Seelen angenommen hatte. Wie man auch von dieses eifrigen, überzeugungstreuen Predigers Verhalten schon damals gegen mit ihm nicht ganz übereinstimmende Brüder denken möge: die Gaben, die ihm Gott verliehen, und die energische Thätigkeit, welche er entfaltete, verdienen eines Jeden volle Achtung. Leider kam er aber schon in Hamburg mit einem Theil Schlesier, deren Prediger der nach Amerika vorausgeeilte Past. Krause war, in Conflikt, und stieß dieselben wegen einer äußerlichen Angelegenheit, darinnen sie ihre christliche Freiheit behaupten wollten, vom Genuß des Sakraments des Altars und von der Kirchengemeinschaft zurück, selbst Weiber darunter, die krank und ihrer Niederkunft nahe waren. (Es leben gegenwärtig noch Familienväter in Wisconsin, welche damals an den Schneidermeister Schulthes, ihren nach Hamburg bereits abgeschickten Landsmann, von Schlesien aus privatim geschrieben, er solle nur zusehen und sorgen, daß sie fortkämen, es sei, wohin er wolle, ohne daß er damit, wie sie selbst bezeugen, eine Vollmacht von der Gemeinde als solcher erhalten hat, Unterhandlungen mit Hrn. Angas in London wegen einer Uebersiedelung nach Australien anzuknüpfen, was er doch gethan, und worauf Grabau sein späteres Verfahren gründete. Nun, und dieses ist der erste unheilsvolle Schritt gewesen, mit dem der Segen und der Friede Gottes von dem kirchlichen Verbande unter Grabau wich; denn weil der HErr Sein freundliches Angesicht von den in dieser Sünde Beharrenden wegwandte, so war es eine Kette darauf folgender Zerwürfnisse, innerer Unruhen und unseliger Verirrungen, welche mahnend ihnen das Ersterben der geistlichen Lebenskraft und das Versinken in eine bedeutungslos vorübergehende Sekte ankündigte.) Das damalige Territorium Wisconsin war zum Hauptniederlassungspunkt bestimmt; ein Theil der Auswanderer begab sich daher sogleich dahin und meistens Aermere blieben in Buffalo zurück, weil daselbst leichter Lebensunterhalt zu finden war. Grabau war jedoch mit solcher Theilung nicht zufrieden gewesen. Als nun da erstere, meistens Landbauer, in Wisconsin unter unsäglichen Beschwerden und Mühseligkeiten sich angesiedelt hatten, theils in der eben erst entstehenden Stadt Milwaukie, theils weiter hinein im Busch: ersuchten sie in einem Schreiben Grabau, doch zu ihnen zu kommen und sie mit Wort und Sakramenten zu bedienen. Nachdem derselbe geantwortet hatte, er könne nicht: fragten sie in einem zweiten Schreiben an, was sie doch machen sollten, Kinder lägen bei ihnen ungetauft, junge Leute wünschten kopulirt zu sein, Kranke begehrten sehnlichst das heilige Abendmahl, ꝛc. Und Grabau unterließ es völlig, ihnen zu antworten. Durch Noth gedrungen wählten sie, was gewiß in solchem Fall nicht hoch angerechnet werden kann, auch keineswegs damals von dem Hauptmann von Rohr, jetzigem Pastor und Glied der Buffalosynode, der sich unter ihnen befand, gemißbilligt wurde—einen ehemaligen pommerschen Schullehrer, Namens Luck, der auch damals wiederum in Milwaukie die Kinder unterrichtete, daß er ihnen einstweilen die nöthigsten amtlichen Dienste mit Predigtverlesen und Sakramentsverwaltung leistete, bis sie sich einen gründlicher dazu vorbereiteten Prediger berufen hätten, wobei sie schon damals, was auch noch nicht wider Grabau's Willen gewesen wäre, ihr Augenmerk auf Missouri gerichtet hatten. Daß zugleich hier und da durch vorwitzige, ungeordnete oder auch schwache Gemüther Neigung zu sektirischem Treiben sich gezeigt, wird Niemandem auffallen, der das arme, zu lauter Abwegen fähige Menschenherz kennt; und wenn die sich selbst überlassenen, in dem Eifer der ersten Liebe stehenden Leute von Anfang an wären mit Weisheit und Hirtentreue geleitet worden und sanftmüthig, im Geiste Christi zurechtgewiesen, würde vieles Unordentliche unterblieben und mannigfaches Uebel verhütet worden sein. Ein großer Theil, darunter nicht wenig redliche Seelen und ernstliche Christen, schlossen später an den Kand. Klügel, der als Prediger 1843 nach Wisconsin kam, sich übereilter Weise an, Andere traten in Gemeinschaften für sich, ꝛc. Manche unter ihnen vergriffen sich im Tadel sogar gegen bewährte Schriften der lutherischen Kirche, z. B. gegen den Dresdener Katechismus. Ein zweites Schreiben von Grabau strafte sowohl die in der Stadt, wie die im Busch mit Schärfe, dadurch sie zu desto größerem Unwillen bewegt wurden. Um die sonach entstandene Unruhe wiederum beizulegen und das Ganze zu ordnen, erschien bald darauf, zu Ende des Jahres 1840, der bekannte Hirtenbrief Grabau's, welcher, anstatt zu heilen und zu beschwichtigen, vielmehr eine große Spaltung hervorrief, die schon daraus um so erklärlicher ward, weil der nach Deutschland zurückgereiste Amtsbruder Grabau's, Krause, schon früher die Wahl eines solchen einstweiligen Stellvertreters im Predigtamte gut geheißen und in einem Briefe den Gemeindeältesten Bierosch für seine Schlesier dazu ernannt hatte; es war ja dies bei der unter ihnen verbreiteten, wiewohl abnormern Lehre Dr. Scheibel's von der Presbyterialverfassung und bei den bedrängten Nothzuständen, welche die Lutheraner in Preußen erfahren, gar nichts Auffallendes gewesen, und von Rohr und seinen Glaubensgenossen in Wisconsin, worunter besonders viele Pommern waren, die Wahl des Luck darauf auch beschlossen worden. Die Leute im Busch stimmten meistens mit des Hirtenbriefs Lehre; die Stadtbewohner behaupteten Meinungsverschiedenheit, bis sie nach Ankunft Krausens in zwei große Theile sich trennten, welche von nun an sich gegenüberstanden. Im Sommer 1841 war nämlich derselbe unterdessen nach Amerika wiedergekehrt, und kurz darauf, erst von Allen gemeinschaftlich berufen, dann aber, durch Grabau verleitet, den Beruf derer, die mit dem Hirtenbriefe stimmten, blos anerkennend, in Wisconsin angekommen, welcher leider den Riß dadurch erweiterte, daß er ganz in des letztern Fußtapfen trat. Im Sommer 1843 erschien die missourische Kritik des Hirtenbriefs, und die Lehre Luther's und seiner Nachfolger von Kirche und Amt ward immer mehr aus ihrer Vergessenheit hervorgezogen. Vergebens eiferten Grabau und Krause dagegen. Doch war das Verhältniß zwischen diesen und den missourisch-sächsischen Pastoren keineswegs schon ein unfreundliches. Noch vom Jahre 1844 findet sich ein Brief Krausens und des im Jahre 1843 aus Preußen nach Wisconsin mit einem starken Zuge von Glaubensgenossen ausgewanderten Kindermann vor, welcher die Filial-Gemeinde zu Milwaukie auf einen Prediger von Missouri vertröstete. Um so weniger konnte es befremden, daß die sächsischen Glaubensverwandten den Kand. Geyer auf Verlangen eines Theils der mit Kindermann gekommenen und bei Watertown angesiedelten Lutheraner ordinirten und zu ihnen nach Wisconsin absandten, im Spätherbst des Jahres 1844; denn ihr eigener bisheriger Führer, mit dem sie, unpartheiisch urtheilend über den Hir-

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Supplement to No. 10, Volume 9, of the Lutheraner.

(Submitted by Pastor Fürbringer in Freistatt and Kirchhain, Wisc.)

Historical-Theological Contribution

toward a more complete judgment of the disputes between the Grabauians and the so-called Missourians.

Rightly do the movements of the Lutheran Church in Prussia since 1830 rank among the most important events of church history in our time, and a part not to be overlooked is formed by the emigrations of Prussian Lutherans to America. At the head of the conflict in which the confession-faithful sons of the Church of the present day are entangled with their enemies, the Prussian Lutheran Church has stood until now—this cannot be denied—already compelled thereto by its relations with the State; who then would not wish to give attentive regard also to that part of it which has emigrated to this country?

It was in the autumn of the year 1839 that the first ecclesiastically ordered company of Prussian Lutherans landed on America's free soil, under the leadership of J. Andr. A. Grabau, a man who, with laborious self-sacrifice amid manifold sufferings and persecutions, had taken up the cause of the souls sorely oppressed by the united State government in Prussia. However one may think of this zealous, conviction-faithful preacher's conduct, even at that time, toward brethren not wholly agreeing with him: the gifts which God had bestowed upon him, and the energetic activity which he displayed, deserve the full respect of everyone. Unhappily, however, already in Hamburg he came into conflict with a portion of Silesians, whose preacher was Pastor Krause, who had hurried on ahead to America, and he thrust them back from the enjoyment of the Sacrament of the Altar and from church fellowship on account of an outward matter in which they wished to maintain their Christian liberty, even women among them who were sick and near their confinement. (There are still living at present in Wisconsin heads of families who at that time had written privately from Silesia to the master tailor Schulthes, their countryman who had already been sent ahead to Hamburg, that he should only see to it and take care that they got away, no matter whither he might choose, without his having thereby, as they themselves testify, received authorization from the congregation as such, to enter into negotiations with Mr. Angas in London concerning a removal to Australia, which he nevertheless did, and upon which Grabau based his later procedure. Now, and this was the first disastrous step, with which the blessing and the peace of God departed from the church association under Grabau; for because the LORD turned His friendly countenance away from those who persisted in this sin, there followed a chain of dissensions, inner disturbances and unhappy aberrations, which, as a warning, announced to them the dying out of spiritual vital power and the sinking into an insignificant, transitory sect.) The then Territory of Wisconsin was designated as the chief place of settlement; a portion of the emigrants therefore betook themselves thither at once, and for the most part the poorer remained behind in Buffalo, because an easier livelihood was to be found there. Grabau, however, had not been content with such a division. When now the former, for the most part farmers, had settled in Wisconsin under unspeakable hardships and toils, partly in the city of Milwaukie, then just coming into being, partly farther in the bush, they requested Grabau in a letter to come to them and to serve them with Word and Sacraments. After he had answered that he could not, they asked in a second letter what they were then to do, children were lying unbaptized among them, young people wished to be married, the sick longingly desired the Holy Supper, etc. And Grabau neglected altogether to answer them. Compelled by necessity they chose, what in such a case surely cannot be counted highly against them, and what was by no means disapproved at that time by Captain von Rohr, now a pastor and member of the Buffalo Synod, who was among them—a former Pomeranian schoolteacher, by the name of Luck, who at that time was again teaching the children in Milwaukie, that he should in the meantime render them the most necessary official services with the reading of sermons and administration of the Sacraments, until they should have called a preacher more thoroughly prepared for it, in doing which they had even then, what also would not yet have been contrary to Grabau's will, directed their attention to Missouri. That at the same time here and there, through presumptuous, disorderly or also weak minds, an inclination to sectarian doings showed itself, will strike no one who knows the poor human heart, capable of nothing but wrong paths; and if the people, left to themselves and standing in the zeal of their first love, had been led from the beginning with wisdom and pastoral faithfulness and had been set right gently, in the Spirit of Christ, much that was disorderly would have been avoided and manifold evil prevented. A great part, among them not a few honest souls and earnest Christians, joined afterward, in a hasty manner, the Cand. Klügel, who came to Wisconsin as a preacher in 1843; others entered into fellowships by themselves, etc. Some among them went too far in censure, even against approved writings of the Lutheran Church, e. g. against the Dresden Catechism. A second letter from Grabau rebuked those in the city as well as those in the bush with severity, whereby they were moved to the greater indignation. In order to settle again the disturbance thus arisen and to put the whole in order, there appeared soon afterward, at the end of the year 1840, the well-known Pastoral Letter of Grabau, which, instead of healing and pacifying, rather called forth a great schism, which was all the more explicable from this, that Grabau's colleague in office, Krause, who had traveled back to Germany, had already earlier approved the choice of such a provisional substitute in the ministry and in a letter had named the congregation elder Bierosch for his Silesians to that end; for this was indeed nothing remarkable, in view of the doctrine of Dr. Scheibel on the presbyterial constitution, which was current among them, though abnormal, and in view of the distressed condition of need which the Lutherans in Prussia experience, and by von Rohr and his fellow believers in Wisconsin, among whom were especially many Pomeranians, the choice of Luck was thereupon also resolved. The people in the bush for the most part agreed with the doctrine of the Pastoral Letter; the townspeople asserted a difference of opinion, until after Krause's arrival they separated into two great parts, which from then on stood opposed to one another. In the summer of 1841, namely, he had meanwhile returned to America, and soon afterward, first called by all together, but then, misled by Grabau, merely acknowledging the call of those who agreed with the Pastoral Letter, arrived in Wisconsin, who unhappily widened the breach by following entirely in the latter's footsteps. In the summer of 1843 the Missourian critique of the Pastoral Letter appeared, and the doctrine of Luther and his successors concerning Church and Ministry was drawn more and more out of its oblivion. In vain did Grabau and Krause contend against it. Yet the relation between these and the Missouri-Saxon pastors was by no means already an unfriendly one. From the year 1844 there is still a letter of Krause and of Kindermann, who in the year 1843 emigrated from Prussia to Wisconsin with a strong company of fellow believers, in which he put off the filial congregation at Milwaukie with the prospect of a preacher from Missouri. All the less could it be surprising that the Saxon co-religionists ordained the Cand. Geyer at the request of a part of the Lutherans who had come with Kindermann and settled near Watertown, and sent him to them in Wisconsin, in the late autumn of the year 1844; for their own former leader, with whom they, judging impartially concerning the Pastoral-