Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 9, Nummer Beilage › Beilage zu No. 12, S. 17

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-12-07, Beilage zu No. 12, S. 17

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Beilage zu No. 12. Jahrg. 9. des Lutheraners.

(Eingesandt von Pastor Fürbringer in Freistatt und Kirchhain, Wisc.)

Geschichtlich-theologischer Beitrag

zu vollständigerer Beurtheilung der Streitigkeiten zwischen den Grabauianern und den sogenannten Missouriern.

(Fortsetzung.)

Zufälliger Weise, per accidens, wird die Erscheinung der heiligen Kirche Jesu Christi, (die ihrem Wesen nach, eigentlich zu reden, per essentiam, Hutter compend. p. 412, nur Eine ist,) weil sie auf Erden, durch den Satan mit der Welt verflochten, und daraus entstehen denn die verschiedenen, mehr oder weniger reinen Theilkirchen, gleich den dort unverhüllten, hier durch Wolke und finstere Nebel getrübten, mannigfaltigen Strahlen eines Lichts, d. i. mit einzelnen abgeschlossenen Bekenntnissen, von denen aber etliche unter des göttlichen Geistes Walten den Glauben, welcher den Heiligen einmal beigelegt ist, und die Stellung des Lehrbegriffs gegen entstandene Häresien im Lauf der Zeiten zu immer klarerer und tieferer Erkenntniß der Kirche im Ganzen durch den Streit der Gegensätze in der Welt hiedurch aussprechen impressa exprimunt, wie die lutherischen Dogmatiker sagen.* Das Unsichtbare kann nicht anders als durch das Sichtbare stets sich äußern, Apol. p. 148; nur soweit hat das letztere Wahrheit, Heil und Leben, soweit es theilhaftig ist des erstern. Der Begriff des Sichtbaren umfaßt allein und ausschließlich die Mittheilung der Gnadenmittel, bald von Flecken freier, bald nicht, ja ganz entstellt, dessenungeachtet Kennzeichen der Kirche simpliciter et absolute loquendo, wie die Dogmatiker sprechen, J. Gerh. locc. th. V. p. 321 sq. Die wahre sichtbare Kirche ist vermöge ihres schriftgemäßen Bekenntnisses die Vertretung der Gemeinde der Wiedergeborenen; sie ist der Typus jener himmlischen Gottesstadt, wo Gott abwischen wird alle Thränen von unsern Augen; aber die bereits dort eingebürgerte Braut des Herrn, welche unter schweren Kämpfen hier zu diesem herrlichen Ziele eilt, der alle die Verheißungen der Schrift gelten, wird auch geboren in den weiter liegenden Kreisen des coetus vocatorum, welche als Gemeinschaften Berufener Annahme der göttlichen Gnade und des dadurch fort und fort in der Kirche sich Mittheilenden und Erarbeiteten, wenn auch nur bei Wenigen und stufenweise voraussetzen, die dann rückwärts wirken auf Andere, bis es als ein edler Sauerteig durchsäuert, oder ein entschiedenes Antichristenthum zum Vorschein kommt. Die Incongruenz zwischen der sichtbaren Erscheinung und dem unsichtbaren Wesen der Kirche ist in der beschränkten und sündhaften Menschennatur gegründet; in der Lehre von einer sichtbaren und der unsichtbaren Kirche liegt so wenig eine Zweiheit oder innere Selbsttheilung, als wenn ich von dem Aeußern und Innern einer menschlichen Person spreche; von der Wirksamkeit der Gnade des Dreieinigen wird die Gesammtheit aller Getauften berührt, daß die von der Gottheit unzertrennte Menschheit des Sohnes Gottes in ihnen, welche Nichts als Fleisch sind von Adam her, ausgeboren und sie darein verklärt werden; im Fall der Affirmation werden sie Organe des Geistes, der durch Wort und Sacrament den neuen Menschen in denselben vollendet, die dienend sich und den Leib erhalten und das Reich Christi mehren; im Fall der Negation werden sie zu Unrath, Krankheitsstoffen, Erkrementen. Die Lebenskraft der unsichtbaren Kirche als der Seele ist es, die das Ganze trägt.

* Anm. Denn an die Stelle apostolischer Entscheidung in der Lehre trat nothwendiger Weise das Bestreben, vermöge des der Kirche fort und fort mitgetheilten Heiligen Geistes, den Inhalt des Bekenntnisses in der Schrift aus seinen Gründen aufzufassen und darzustellen, um alles Fremdartige, das sich eindrängte, von der Kirche auszuscheiden; und ohne Norm dieses ewigen Bekenntnisses aller Gläubigen kann überhaupt gar keine Verfassung in der Kirche gedacht werden.

Wir müssen jedoch dem Punkt, um den es sich sich hier eigentlich dreht, noch näher rücken, und genauer zusehen, worauf in diesem Streite Alles ankommt. Wir meinen die Frage: Ist die Kirche, wenn ihrem Wesen, also auch ursprünglich ihrer Entstehung nach eine sichtbare oder unsichtbare? Die symbolischen Bücher antworten im hellsten Licht der göttlichen Wahrheit. Wir wollen, was wir aus dieser Wahrheit geschöpft haben, die Folgerungen ganz kurz entwickeln, welche jene hochwichtige Frage und die verschiedene Antwort darauf nach sich ziehen. Es ist ja dies der status controversiae, wie ihn selbst die namhaftesten päpstlichen Theologen eingestehen, zwischen uns und ihnen. Nach den letztern, wie auch Grabau lehren muß, hat Christus um sich gesammelt eine Schaar von 12 Jüngern, denen er das Amt in der Kirche anvertraute, das Versprechen gab, bei solchem Amt zu sein alle Tage bis an der Welt Ende, und die Verheißung des Heiligen Geistes, der sie in alle Wahrheit leiten sollte. (Vergl. Grabau's Hirtenbrief III. Informat. Jahrg. 1. S. 73 fg.) Diesen Heiligen Geist empfingen sie als nothwendige Mitgabe zu ihrem Amt; die Worte Christi St. Johannis Ev. 20, 21 fg. sind von der Ordination in einem solchen Sinne zu verstehen, daß die Mittheilung des Heiligen Geistes hier nicht wesentlich identisch ist mit der, welche allen Gläubigen geschieht. (Vergl. Inform. Jahrg. 1. S. 74. Dagegen Luther in seinen Predigten über diesen Text.*

*Anm. Es ist merkwürdig, wie das Organ der Buffaloer Synode, das kirchliche Informatorium, die Lehre Luthers vom geistlichen Priesterthum und Predigtamt mißversteht und ungerecht beurtheilt, überhaupt das, was er über diesen Gegenstand gelehrt und geschrieben hat, geringe hält, ja ihren Gemeinden verdächtig macht, insonderheit seinen Tractat an die Böhmen, den er und die Symbole doch niemals widerrufen, noch die rechtgläubigen Lehrer der lutherischen Kirche jemals gemißbilligt haben, während die sogenannten Rottirer, schon ehe sie missourische Pastoren beriefen, die Predigten der Kirchenpostille hoch schätzten und fleißig gebrauchten.

Diese prinzipielle Sichtbarkeit der Kirche in solchem Amt und die gegebene christliche Wahrheit waren nicht von einander zu trennen. An eine sichtbare Gemeinschaft war demnach die Seligkeit gebunden; wie von derselben die Lehre Jesu überliefert und der Sinn des Heiligen Geistes in ihr ausgelegt, was darnach die Gemeinschaft durch ihr fortgehendes apostolisches Lehramt setzte, einrichtete, gebot, war göttlich; das Heil der Menschheit stand allein bei Menschen. Wer konnte aber gewiß sein, daß diese Menschen nicht Alles mit unreinen Zusätzen vermischten?—Ganz anders verhält es sich mit der lutherischen Lehre. Aus der unsichtbaren Kirche heraus entwickelt sich mit Nothwendigkeit die sichtbare; jene wird durch den Glauben inwendig aufgebaut, und nur dem Glauben alle Verheißung gegeben; sie ist zunächst das unmittelbare Produkt des dreieinigen Gottes selbst; sollte anders eine Kirche auf Erden entstehn und bestehn so durfte das Wort, das Gott im Paradiese, der Herr Jesus zu seinen Jüngern redete, nicht blos von außen gegebene positive Wahrheit bleiben, sondern mußte in den Geist und in den Willen der Hörer aufgenommen werden; alsdann aber ist solche unsichtbare Kirche auch die Werkstätte, das lebendige Organ desselben Gottes, das er sich für den Zweck Seiner weiteren Wirksamkeit selbst geschaffen hat; das ist ihre wahre Natur, ihr eigentliches Wesen und ihr eigenster Beruf. So wie nun das Wort ein göttlich-menschliches ist—denn Gott hat es, unmittelbar oder mittelbar, doch allemal menschlich geredet—; und die Sacramente ein göttlich-menschliches Handeln: so hat auch die Kirche eine göttliche und menschliche Seite zugleich, der Glaube des Herzens bethätigt sich in des Mundes und der Werke Bekenntniß, ja sie organisirt sich zwar, so viel an ihr ist, nach dem Befehle ihres unsichtbaren Hauptes unter einem geordneten reinen Predigtamt, darin sich das gemeinsame Bekennen der Gläubigen konzentrirt. (Die Trennung des Göttlichen von dem Menschlichen und umgekehrt oder das Ineinanderaufgehn lassen beider ist die Mutter aller Ketzerei, wie bei der Person Christi, so in den andern Artikeln der christlichen Lehre.) Wer selig werden und im Bereich der Kirche sein will, die hier streitet, dort triumphirt, darf sie jedoch nicht bei menschlicher Auctorität als solcher suchen, noch an gewisse Stätte, äußere Verfassung und Stände binden wollen, „siehe hier ist Christus und Sein

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Supplement to No. 12, Volume 9, of the Lutheraner.

(Submitted by Pastor Fürbringer in Freistatt and Kirchhain, Wisc.)

A Historical-Theological Contribution

toward a fuller judgment of the disputes between the Grabauites and the so-called Missourians.

(Continuation.)

Accidentally, per accidens, the appearance of the holy Church of Jesus Christ (which in its essence, properly speaking, per essentiam, Hutter compend. p. 412, is only One,) is such because on earth she is entangled with the world through Satan, and from this there arise the various Partial Churches, more or less pure, like the manifold rays of one light, unveiled yonder, but here dimmed by cloud and dark mist, that is, with individual closed confessions, of which, however, some, under the governance of the divine Spirit, express the faith which was once delivered to the saints, and the position of the doctrinal system against heresies that have arisen, in the course of time, toward an ever clearer and deeper knowledge of the Church as a whole through the conflict of opposites in the world, impressa exprimunt, as the Lutheran dogmaticians say.* The invisible can never express itself otherwise than through the visible, Apol. p. 148; only so far has the latter truth, salvation, and life, as it partakes of the former. The concept of the visible embraces solely and exclusively the dispensation of the means of grace, now freer from blemishes, now not, indeed wholly disfigured, nevertheless marks of the Church simpliciter et absolute loquendo, as the dogmaticians speak, J. Gerh. locc. th. V. p. 321 sq. The true visible Church is, by virtue of her Scriptural confession, the representation of the congregation of the regenerate; she is the type of that heavenly City of God where God shall wipe away all tears from our eyes; but the Bride of the Lord, already naturalized there, who hastens amid heavy conflicts here toward this glorious goal, to whom all the promises of Scripture apply, is also born in the wider circles of the coetus vocatorum, which, as communities of the called, presuppose the acceptance of divine grace and of what is thereby continually imparted and acquired in the Church, even if only in a few and by degrees, which then react upon others, until it, as a noble leaven, leavens the whole lump, or a decided Antichristianity comes to light. The incongruence between the visible appearance and the invisible essence of the Church is grounded in the limited and sinful nature of man; in the doctrine of a visible and the invisible Church there lies as little a duality or inner self-division as when I speak of the outward and inward parts of a human person; the totality of all the baptized is touched by the working of the grace of the Triune God, so that the humanity of the Son of God, undivided from the Godhead, is born forth in them, who are nothing but flesh from Adam, and they are transfigured into it; in case of affirmation they become organs of the Spirit, who through Word and Sacrament completes the new man in them, who, serving, sustain themselves and the body and increase the kingdom of Christ; in case of negation they become filth, matter of disease, excrement. It is the vital power of the invisible Church, as the soul, that bears the whole.

* Note. For in the place of apostolic decision in doctrine there necessarily came the endeavor, by virtue of the Holy Spirit continually imparted to the Church, to grasp and set forth the content of the confession in Scripture from its grounds, in order to exclude from the Church everything foreign that pressed in; and without the norm of this eternal confession of all believers no constitution at all can be conceived in the Church.

We must, however, come still closer to the point on which the matter here really turns, and look more exactly at what everything depends upon in this controversy. We mean the question: Is the Church, as to her essence, and therefore also originally as to her origin, a visible or an invisible one? The Symbolical Books answer in the brightest light of divine truth. We wish to develop quite briefly the consequences which that most important question and the differing answer to it entail, according to what we have drawn from this truth. For this is indeed the status controversiae between us and them, as even the most renowned papal theologians admit. According to the latter, as Grabau also must teach, Christ gathered about Himself a band of 12 disciples, to whom He entrusted the office in the Church, gave the promise to be with such office all the days unto the end of the world, and the promise of the Holy Ghost, who should guide them into all truth. (Cf. Grabau's Hirtenbrief III. Informat. Vol. 1. p. 73 ff.) This Holy Ghost they received as a necessary endowment for their office; the words of Christ, St. John's Gospel 20, 21 ff., are to be understood of ordination in such a sense that the imparting of the Holy Ghost here is not essentially identical with that which happens to all believers. (Cf. Inform. Vol. 1. p. 74. Over against this, Luther in his sermons on this text.*

*Note. It is remarkable how the organ of the Buffalo Synod, the church Informatorium, misunderstands and unjustly judges Luther's doctrine of the spiritual priesthood and the office of preaching, and in general holds as of small account what he has taught and written on this subject, even makes it suspect to their congregations, especially his tract to the Bohemians, which he and the Symbols have never retracted, nor have the orthodox teachers of the Lutheran Church ever disapproved, while the so-called Rottirer, even before they called Missourian pastors, highly esteemed the sermons of the Kirchenpostille and used them diligently.

This principal visibility of the Church in such an office, and the given Christian truth, were not to be separated from one another. To a visible communion, therefore, salvation was bound; as from it the doctrine of Jesus was handed down and the mind of the Holy Spirit expounded in it, whatever the communion thereafter, through its continuing apostolic teaching office, ordained, established, and commanded, was divine; the salvation of mankind stood solely with men. But who could be certain that these men did not mix everything with impure additions?—Quite otherwise is it with the Lutheran doctrine. Out of the invisible Church the visible develops of necessity; the former is built up inwardly by faith, and to faith alone is every promise given; it is first of all the immediate product of the triune God Himself; if a Church were otherwise to arise and continue on earth, the Word which God spoke in Paradise, the Lord Jesus to His disciples, dared not remain merely a positive truth given from without, but had to be taken up into the spirit and the will of the hearers; but then such an invisible Church is also the workshop, the living organ of the same God, which He Himself has created for the purpose of His further working; that is her true nature, her proper essence and her own peculiar calling. As now the Word is a divine-human one—for God has spoken it, immediately or mediately, yet always humanly—; and the Sacraments a divine-human action: so also the Church has a divine and a human side at once, the faith of the heart proves itself active in the confession of the mouth and of works, yes, she organizes herself, so far as lies in her, according to the command of her invisible Head, under an ordered pure office of preaching, in which the common confessing of the believers is concentrated. (The separation of the divine from the human, and vice versa, or the letting of both merge into one another, is the mother of all heresy, as in the Person of Christ, so in the other articles of the Christian doctrine.) He who would be saved and be within the realm of the Church, which here contends, there triumphs, must however not seek her in human authority as such, nor wish to bind her to certain places, outward constitution and estates, "Lo, here is Christ, and His